Aber bitte mit Sahne, ähh… Poutine! Kulinarische Herausforderungen in Kanada

Essen ist eine wunderbare Beschäftigung. Es ist nicht nur lebenserhaltend und somit eine existentiell wichtige Tätigkeit, sondern besänftigt Magen und Gemüt. Im Allgemeinen geht es uns nach einem schmackhaften Imbiss gut, während sich nach langem Darben Beschwerden in Form von Bauchschmerzen und genereller seelischer Verstimmtheit anmelden. Kinder können sich kaum bis zur nächsten Mahlzeit gedulden und nerven die Eltern bis diese den kleinen „Scheunendreschern“ den „Schnabel stopfen“ und wir Studenten sehnen uns nach einem langen, nudelgeschwängerten Semester danach, im „Hotel Mama“ gut bekocht zu werden.

Dabei ist national bedingt, was nun als wohlmundende Mahlzeit angesehen wird. Neulich erzählte mein Ozeanographie-Professor an der Quebecer Uni einen Schwank von seinen Forschungsreisen auf verschiedenen Expeditionsdampfern. Während das französische Schiff mit seiner haute cuisine punkten konnte, entrüstete sich der gute Mann, dass auf dem deutschen Dampfer bereits um 6.00 morgens sämtliche Wurstspezialitäten ausgebreitet wurden und es kulinarisch quasi kaum zum Aushalten war. Sicherlich, die deutsche Küche ist wohl dafür bekannt, dass sie recht deftig, fettig und auch fleischhaltig ist. Aber das heißt ja nicht, dass es nicht schmeckt, denn Fett ist schließlich ein Geschmacksträger ;-)! Vor allem sollten sich die Quebecer in Hinblick auf ihre eigene Nationalkost warm anziehen, denn diese lässt doch sehr zu wünschen übrig. Viele Einheimische lieben ihre etwas primitiven Gerichte, aber geben immerhin zu, dass man kaum von einem guten Essen sprechen kann.

Da wäre zunächst einmal die Primadonna des frankophonen Kanadas, auch bekannt unter dem Synonym Poutine (ausgesprochen wie der russische Ministerpräsident, der auf Französisch glatt wie das Essen buchstabiert wird!). Die Poutine ist die Abwandlung einer stinknormalen Portion Pommes in eine groteske Form moderner Kunst, denn genau wie diese kennt sie keine Grenzen (des Entsetzen…). Anfangs hält man als unerfahrener Poutine-Konsument diese Anhäufung von Pommes in einem Aluminiumschälchen mit einem Berg von weißlichen Käsebrocken und eingeweicht in eine bräunliche  Bratensoße als eine neue Herausforderung der besonderen Art. Je nach Verlangen kann man sich das Ausmaß dieser Challenge frei wählen: von „bébé“ (klein), über „mini“(mittel) bis zu „régulier“ (groß). Allerdings sind bereits diese Bezeichnungen verwirrend, denn die kleinste Portion ist größer als eine große Portion Pommes bei uns zulande. Bestellt man eine reguläre, sprich große Poutine, wird einem eine Kinderbadewanne vorgesetzt – aus Aluminium versteht sich und mit einem halben Pfund Käse, mindestens.
Der Käse ist die faszinierendste Kuriosität dieses Gerichtes. Während die mit Bratensoße getränkten Pommes recht gut schmecken, ist die Konsistenz des Käses sehr merkwürdig. Zunächst einmal fühlt er sich an wie eine mittelharte Gummimasse und beißt man dann genüsslich in so ein Stück hinein quietscht diese auch noch! Der Superkäse mit seinen käseunwürdigen Superkräften ist überall erhältlich.

Poutine

Wenn man an der Kasse eines kleinen Kiosks steht, kommt es häufig vor, dass man so ein Tütchen mit der Aufschrift „quiek quiek“,  das neben Snickers-Riegeln, Kaugummis und Bonbons seinen Platz gefunden hat, ein bisschen durchknetet, obwohl man sich dabei ekelt. Ekel scheint den Kanadiern jedoch ein Fremdwort zu sein, denn sie garnieren ihre Poutine zusätzlich zu der reichhaltigen Bratensoße oft noch mit Ketchup oder Mayonnaise. Auch der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt und so existieren zahlreiche Varianten: mit Erbsen, mit Schinken oder Zwiebeln, normal oder pikant gewürzt. Natürlich ist die Konkurrenz um die Königin der Poutine unter den verschiedenen Anbietern groß. So gibt es im Januar bei dem bekanntesten Laden „Chez Ashton“ sogar einen temperaturabhängigen Rabatt bei Minusgraden, zum Beispiel 22% bei -22°C.

Es stellt sich nun die Frage: Wieso überhaupt Poutine? Nun ja, beim ersten Mal überwiegt noch Neugier über Entsetzen. Beim zweiten Mal hat man vielleicht einfach riesigen Hunger. Beim dritten Mal ist das Geld knapp. Beim vierten Mal kommt man von einer durchfeierten Nacht nach Hause und tut Dinge, die man sonst nicht tut. Beim vierten Mal ist es der Gruppenzwang. Beim fünften Mal fragt man sich, ob man schon zugenommen hat. Beim sechsten Mal wird einem beim Anblick eines riesigen Käsehaufens übel. Beim siebten Mal erfolgt der passive Widerstand („Nein, nein, heute kann ich wirklich keine Poutine essen. Ich bin einfach satt. Wirklich!“). Beim achten Mal hingegen ist Schluss. Aus. Vorbei. Poutine??? Igitt. Nein, danke! Das Entsetzen in den Gesichtern aller Freunde ist groß. Der Magen hingegen vollführt einen Freudentanz, wobei seelenruhig die ersten Pfunde verbrannt werden… Integration, auch auf Essensebene, ist ja eine gute Sache, aber bewahre mich einer vor der kompletten kulinarischen Assimilation!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.