Trommelwirbel und “Herr der Ringe”

SAM_0294Andächtige Stille herrscht in der Studienkirche St. Michael in Passau. Gespannt blicken die zahlreichen Besucher in den Kirchenbänken auf das Geschehen im Altarraum. Dort steht im schwarzen Anzug und weißen Hemd Markus Ottowitz auf einem kleinen Podest. Kerzenständer oder der Altar selbst fehlen aber. Ottowitz ist auch kein Pfarrer, sondern Dirigent der „Jungen Philharmonie Ostbayern“.

Auf sein knappes Handzeichen setzt Trommelwirbel ein und die ersten Takte der Ouvertüre der „diebischen Elser“ von Gioachino Rossini erklingen. 55 in schwarz gekleidete Musiker und Musikerinnen sitzen in einem Halbkreis um den Dirigenten herum. Routiniert spielen die Streicher, Bläser und das Schlagwerk die Ouvertüre, die ständig zwischen schnellen und langsamen sowie lauten und leisen Passagen wechselt.

Die souveräne Darbietung des anspruchsvollen Stücks lässt dabei keinen Rückschluss auf die Besonderheit dieses Orchesters zu: Bei der „Jungen Philharmonie Ostbayern“ ist der Name Programm: Keiner der Musiker ist älter als 24 Jahre, die jüngsten sind gerade einmal zwölf.

Das Konzert in der Studienkirche St. Michael in Passau am 15. April war der zweite Auftritt des Orchesters, das im April 2011 gegründet wurde. Der musikalischen Qualität tat dies keinen Abbruch: Schon beim zweiten Stück – einem Cellokonzert von E. Elgar – begeisterte der erst 19-jährige Solist Stefan Shen die Zuhörer mit seinen beeindruckenden Fähigkeiten am Cello. „Es ist eines unserer Hauptanliegen, jungen und außergewöhnlich begabten Musikern die Möglichkeit zu geben, als Teil eines echten Sinfonieorchesters aufzutreten“, erklärte Sebastian Ottowitz, der Bruder des Dirigenten, der das Konzert moderierend begleitete. Nicht nur die Musiker sind zum großen Teil noch im Teenageralter, auch das vierköpfige Team, das das Orchester ins Leben gerufen hat und ehrenamtlich leitet, kommt auf einen Altersdurchschnitt von nur 23 Jahren.

Dirigent Markus Ottowitz, der mit 27 Jahren das älteste Mitglied dieses Teams ist, sieht genau darin den großen Vorteil der jungen Philharmonie Ostbayern: „Der Spaß an der Musik steht bei uns im Vordergrund“ verrät er. Zwischen den Musikern und vier Leitern des Orchesters gebe es keine Hierarchieunterschiede. Untereinander seien sie alle „per Du“ und jeder sehe sich einfach nur als „ein Teil desselben Projekts“. Die ungezwungene Atmosphäre innerhalb der Gruppe schätzt auch Violinistin Sandra Wohlfahrt, die Jura an der Universität Passau studiert. „Jeder ist hier mit jedem befreundet, den Stress während der Proben nimmt man da gerne auf sich.“

Die Proben finden nicht wöchentlich oder im Monatsrhythmus statt, sondern die Musiker, zum Großteil Schüler und Studenten, treffen sich nur zweimal im Jahr in den Semesterferien zu sogenannten „Arbeitsphasen“. Eine ganze Woche lang wird dann jeden Tag intensiv mehrere Stunden lang zusammen geprobt. Abends habe man dann Zeit, „das Gemeinschaftsgefühl zu stärken“, wie Sebastian Ottowitz ergänzt. Als Abschluss und Krönung der letzten Arbeitsphase stand das kostenlose Konzert in St. Michael auf dem Programm.

Einen Höhepunkt dieses Konzertes bildete das Stück „Umschwemmt“ von Josef Ramsauer: Das komplizierte und ungewöhnlich klingende Werk wurde von Ramsauer extra für die junge Philharmonie Ostbayern geschrieben. Der Komponist war auch während der Arbeitsphase mit dabei, um den jungen Musikern die zum Teil ungewöhnlichen Spielanweisungen zu erklären. Beispielsweise sieht das Stück vor, dass an einer Stelle alle Streicher beginnen, Worte zu flüstern. „Es ist faszinierend, wie offenherzig die jungen Menschen für die neuen Techniken sind, die in „Umschwemmt“ zum Einsatz kommen.“ begeistert sich der Komponist, der selbst erst 22 Jahre alt ist und die Uraufführung seiner Komposition aufgeregt verfolgt.

Zum Abschluss des Konzertes spielten die Nachwuchsmusiker die epischen Töne der Oscar-prämierten Filmmusik aus dem „Herrn der Ringe“. Spätestens jetzt lief auch dem Teil der Zuhörer, der nicht ohnehin schon ob der niedrigen Temperaturen in der Kirche fröstelte, eine wohlige Gänsehaut über den Rücken. Der stehende Applaus bestätigte der jungen Philharmonie Ostbayern: Arbeitshase erfolgreich abgeschlossen.

Im Herbst wird die nächste Probenzeit stattfinden. Dass es danach wieder ein Konzert in St. Michael geben wird, hat Ottowitz mit dem Mesner noch beim Abbauen der Stühle vereinbart.

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