Neulich im Schwimmbad: Platzhirschalarm

Was gibt es besseres als an einem ungemütlich-kaltenTag im warmen Whirlpool des Schwimmbads die Seele baumeln zu lassen? Und damit auch die körperliche Betätigung in diesen Jogger-feindlichen Tagen nicht zu kurz kommt, wie wär’s mit ein paar Bahnen schwimmen?
Gesagt getan. Hochmotiviert stürze ich mich ins blaue Nass, beobachte kurz die Schwimmbaduhr und…wäre fast zum ersten Mal umgeschwommen worden. Naja, da hat wohl einer mal nicht aufgepasst, denke ich mir, so schnell geht meine gute Laune nicht flöten. Ich paddele weiter zwischen durchtrainierten angehenden Profi-Schwimmern und älteren Herren, die mitten im Becken auf der Stelle zu stehen und sich nur im Zeitlupentempo Millimeter um Millimeter vorzukämpfen scheinen. Langsam wird das Becken voller, es ist jetzt vermehrt Koordination gefragt. Mit dieser scheint hier leider nur ungefähr jeder 25. gesegnet zu sein. Platsch, von links kriege ich einen speckigen Arm zu spüren. Den Kameraden kenne ich schon – etwas stämmigeres Modell, Sorte Mittdreißiger mit der ultracoolen Schwimmbrille, die seinem etwas traurigen Ansehen den letzten Schliff geben soll. Nicht sehr erfolgreich. Zumindest rechtfertigt so eine Brille doch wohl nicht das unkoordinierte, blinde Herumplanschen, das man mit viel Großzügigkeit als Kraulen bezeichnen könnte, und das alle anderen Schwimmer behindert. Die Dicken mit Schwimmbrille gehören jedoch noch zu der harmlosesten Gattung der Wassertreter.
Das Rhinozeros unter den Amateurschwimmern trägt eine Tätowierung am Oberarm und ist sowieso der Allercoolste. Und der der Schnellste. Und der Stärkste. Und überhaupt ein richtig geiler Typ. Deshalb nimmt sich der Platzhirsch des blauen Beckens auch einfach, was er will – ohne Rücksicht auf Verluste. Er drängt sich in die vollste Bahn zu mir und drei anderen Frauen, prustet wild Wasser und führt sich auf, als wäre er allein im Becken. Er drängt sich zwischen den Frauen durch, wobei die eine oder andere seine Arme oder Beine zu spüren bekommt. Aus dem Augenwinkel sehe ich wie er schräg hinter mir schwimmt und dann meine Bahn so schneidet, dass ich kurz aufhöre zu schwimmen, um nicht überrollt zu werden. Die Welle treibt mir trotzdem das Chlor in die Nase. Widerlich. Ich rufe ihm eine wilde Verwünschung hinterher, aber der Platzhirsch röhrt bereits weiter und durchpflügt das Becken, als hätte ihm Poseidon persönlich seinen Dreizack in den Allerwertesten gespießt. Nach 45 Minuten ist meine Laune nicht mehr ganz so rosig und die menschlichen Schwimmminen lassen auch nicht locker: besonders Ambitionierte drängen mich von Bahn drei langsam aber sicher an den Beckenrand, ein blonder Jungspund springt mir fast ins Gesicht als er sich (ohne zu gucken) von der Seitenwand abstößt, ein rot-gepunkteter Hintern ist besonders zielstrebig unterwegs und hält rücksichtslos die Spur.
Würde man das Treiben im  Schwimmbad auf den Straßenverkehr übertragen, gliche es wohl dem Pariser Kreisverkehr auf der Bastille. Es ist die Hölle los, nur das Hupen fehlt glücklicherweise und einige Vernünftige verhindern durch gekonnte Ausweichmanöver den humanen Totalschaden. In diesen Momenten wünsche ich mir das Schwimmbadsystem meiner kanadischen Partneruni zurück: alle Bahnen sind eingeteilt in langsam, mittel, schnell; es wird stets rechts geschwommen und links überholt. Klingt ein bisschen spießig und eher nach deutscher Ordentlichkeit, aber hier taugt diese Akkuratesse wenigstens einmal. An alle da draußen: Bitte, kommt doch meinetwegen fünf Minuten zu spät, geht doch einfach mal bei Rot über die Ampel, aber bitte, bitte, seid ein bisschen rücksichtsvoller im Schwimmbecken und lasst eure Mitschwimmer leben!

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