Plötzlich ist alles anders – Der harte Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben

Felix Brunner hat es geschafft. Am 12. August 2013 bewältigte er die letzte Etappe seiner Transalpin-Tour an den Gardasee. Neun Tage war er mit seinem Team unterwegs, legte 460 Kilometer zwischen dem Startort Füssen im Allgäu und dem Gardasee zurück. Bei der Tour überwand er 11.000 Höhenmeter. Mal über breite Bergtrassen und fest angelegte Wanderwege aber auch über Stock und Stein – und das alles mit dem Handbike! Schon viele Rollstuhlfahrer vor ihm haben die Alpenüberquerung über befestigte und geteerte Straßen gemeistert, keiner nahm bisher eine Offroadstrecke in Angriff!
Lange jedoch sah es nicht danach aus, dass Felix all das schaffen könnte. An der Uni Passau sprach der heute 24 Jährige darüber, wie er nach dem schweren Bergunfall, der sein Leben von einem Tag auf den anderen völlig veränderte, die Motivation fand sich ins Leben zurück zu kämpfen.
Der 19. Januar 2009 stellt den Wendepunkt im Leben von Felix Brunner dar. An diesem Tag stürzte er folgenschwer – für das restliche Leben auf den Rollstuhl angewiesen. Vor dem Unfall hatte er die Ausbildung zum Krankenpfleger begonnen. Klettern, wandern und Eisklettern prägten sein Leben, häufig war er mit Freunden in den Bergen unterwegs. Zusätzlich war Felix auch bei der Bergwacht in Füssen aktiv und so als Bergretter ab und an gefordert. An diesem Januartag brauchte er die Hilfe selbst. Auf dem Rückweg von einer Eisklettertour stürzte er 30 Meter tief in ein Bachbett. Er überschlug sich mehrfach, der freie Fall betrug bis zu 10 Meter. Sofort war klar, dass er sich gravierende Verletzungen zugezogen hatte. Durch den Schock und den Adrenalinausstoß spürte er zunächst keine Schmerzen und gab seinen Freunden Anweisungen was nun zu tun sei. Der verständigte Rettungshubschrauber war schon in der Luft und zu einem anderen Unfallort unterwegs wurde jedoch sofort umdirigiert. So konnte die ärztliche Notversorgung schon wenige Minuten nach dem abgesetzten Notruf starten. Bitter nötig, denn über die gerissene linke Beinvene hatte Felix nahezu 4 Liter Blut verloren – Lebensgefahr. Der menschliche Körper verfügt über sechs bis sieben Liter Blut, schon ein Blutverlust von zwei Litern stellt eine große Gefahr dar. Zahlreiche Blutkonserven retteten ihm das Leben. Im Unfallkrankenhaus Murnau angekommen sollte sich eine 13 Monate lange Krankenhaus-Odyssee anschließen. Die Ärzte kämpften Tag für Tag um sein Leben, sie eröffneten Felix’ Eltern jedoch schnell, dass er nicht überleben werde. Diese Prophezeihung traf nicht ein und Felix wurde im Juni, ein knappes halbes Jahr nach seinem Unfall, langsam aus dem künstlichen Koma aufgeweckt.
Die ersten Gedanken, die Felix durch den Kopf schossen, hingen mit seiner Leidenschaft dem Klettern zusammen. Pfingsten war vorbei, sonst bedeutete Pfingsten für ihn Kletterurlaub auf Sardinien. Nicht so in diesem Jahr. Der neue Plan stand dennoch schnell fest, wenn schon nicht zu Pfingsten dann eben im Spätsommer mit der Familie nach Sardinien. Jedem der es hören oder auch nicht hören wollte, erzählte Felix von diesem Plan. Von vielen insbesondere den Ärzten erntete er ein Kopfschütteln. Diverse Komplikationen ließen den Traum platzen und statt Sardinien erneut 3 Monate im künstlichen Koma folgen. Insgesamt benötigte er über 800 Blutkonserven, das sind 400 Liter! Bis heute wurde Felix über 60 Mal operiert.
Als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war nichts mehr wie es vorher war. Kein bisschen Selbstständigkeit er war ein Vollpflegefall. Sechs mal pro Woche kam der Physiotherapeut ins Hause Brunner um mit Felix zu trainieren. Das Training und auch die Motivation aus der Situation das Beste herauszuholen, ließen ihn stetig Fortschritte machen. Sicher war es nicht immer einfach doch letztlich behielten Lebenswille und Optimismus die Überhand. Erst wenn man die Situation akzeptiert, nicht mit ihr hadert und nicht ständig an die Vergangenheit denkt kann Fortschritte machen. Diesen Tritt, die aktuelle Ist-Situation zu akzeptieren und voraus zu schauen muss man sich selbst geben, der kommt nicht von außen.
Heute steht Felix wieder mitten im Leben, einem „saucoolen neuen Leben“ wie er selbst sagt. Seine Ziele hat er alle erreicht, denn wer sich sein Ziel definiert und ein Umfeld hat, das einen stets unterstützt, kann alles erreichen. Selbstverständlich liegen auf dem Weg zur Zielerreichung immer wieder Hindernisse im Weg. Doch auch diese sollte man mit einer positiven Einstellung angehen. Wer sich vor der Prüfung sagt ‘Da flieg ich durch’ wird auch nicht bestehen – Gedanken werden Materie wie Felix es ausdrückt. Mit dem richtigen Team kann man jedes noch so schwere Hindernis überwinden und ein gesetztes Ziel erreichen. Das Ziel einer jeden Transalpin-Tour ist der Gardasee, um den zu erreichen galt es nicht nur die Berge zu überwinden sondern zunächst einmal ein geländetaugliches Handbike zu bauen. Die Unterstützung diverser Sponsoren unter anderem dem Bayerischen Roten Kreuz trugen einen weiteren Teil zum Gelingen des Projekts bei.
Spezielle Angst vor Abhängen hat er nicht, auch wenn ihm damals ein Abhang zum Verhängnis wurde. Felix treibt weiterhin viel Sport und ist mit dem Monoski auf den Skipisten unterwegs. Seit dem Unfall legt er jedoch einen stärkeren Fokus auf seine Grundstimmung. Ist sie schlecht, dann geht es eben nicht auf die Skipiste, denn wenn man einmal auf der Nase liegt, kann man schwer bremsen. Die sportlichen Ziele gehen Felix nicht aus. Im nächsten Jahr will er am Berlin Marathon teilnehmen und mit den Freunden soll es nach Amerika in einen Bikepark gehen. Ein größeres Projekt hat er auch schon im Kopf, näheres hat er dazu jedoch noch nicht verraten. Felix ist zurück, angekommen in einem neuen selbstbestimmten Leben.

Von Veronique Prause

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