Eine Tragödie zum Anfassen

kar154In Passau bringt Claus Tröger die Geschichte der „Anna Karenina“ auf die Bühne

Was für ein Spektakel! Aus dem legendären, 1200 Seiten dicken Roman von Leo Tolstoi kreiert Regisseur Claus Tröger ein Schauspiel, dessen inhaltliche Tiefe und emotionale Resonanz  nachhaltig beeindruckt. Pompös und aufwendig eigentlich, aber diese Inszenierung schafft es, gerade den kleinen Gesten von Zärtlichkeit oder Verzweiflung  einen großen Raum beizumessen – dank der illustren Besetzung, die von  Katharina Elisabeth Kram in der Titelrolle angeführt wird.

Die Ausgangsgeschichte der Moskauer High-Society ist kompliziert wie brillant. Russland in den 1870er Jahren: Anna Karenina (Katharina Elisabeth Kram) ist mit dem Regierungsbeamten Alexej Alexandrowitsch Karenin (Reinhard Peer) verheiratet und hat mit ihm einen Sohn, Serjoscha (Lukas Dorner). Ihr Bruder Stepan Oblonsky (Olaf Schürmann) bittet sie, von St. Petersburg nach Moskau zu kommen, denn er hat seine Frau Dolly (Antonia Reidel) mit einem Dienstmädchen betrogen und Anna soll jetzt helfen, die Wogen zu glätten. Auch Oblonskys Freund Konstantin Levin (Joachim Vollrath) ist in der Stadt und möchte Dollys junge Schwester Kitty  Stscherbatzki (Ines Schmiedt) für sich gewinnen. Als er seiner Verehrten einen Heiratsantrag macht, lehnt diese ab, denn sie hat sich in den schneidigen Offizier Alexej Wronsky (Tobias Ulrich) verliebt. Dessen Absichten wiederum sind nicht besonders ernsthaft und er vergisst Kitty sofort, als er Anna kennenlernt. Zwischen dem Soldaten und der Beamtengattin entsteht eine glühende Liebe, was im traditionsbewussten Russland verhöhnt wird. Es entbrennt ein Konflikt zwischen den Verpflichtungen als Ehefrau, Untreue mit ihrer neuen Liebe und Tauziehen um Sohn Sorjoscha. Hier muss Anna dann erkennen, dass in der Gesellschaft für sie kein Platz mehr ist und auch die Liebe zu Wronsky keine Zukunft hat. Getrieben von Verzweiflung und Einsamkeit, glaubt Anna, nur noch einen einzigen Ausweg zu haben…

Eine sehr ausschweifende Geschichte um Liebe, Beständigkeit und Moral also, dass Autor John Düffel auf zwei Stunden geballte Emotionen verdichten soll. Claus Tröger dazu: „Das geht aber, wenn man in John einen Dramatiker hat, der fokussiert. Er konzentriert die Geschichte nicht allein auf Anna Karenina, sondern auf drei Paare. Es sind Paar-Konflikte, die eine allgemeine Gültigkeit haben und uns auch heute noch betreffen.“

Das Einheitsbühnenbild von Karlheinz Beer gibt den pompösen Kostümen von Iris Jedamski sehr viel Raum, einzig über die verschieden angeleuchteten Vorhänge wird der Schauplatzwechsel deutlich. Das macht jede Szene sehr ästhetisch und die Darsteller können ihre Charaktere so noch besser zur Geltung bringen.

Vor allem Katharina Elisabeth Kram entfaltet durch den freien Raum eine außergewöhnliche Anna Karenina. Sie schafft es, jeden Zuschauer ganz und gar in ihre Gefühlswelt mit einzubeziehen – zugleich schön und zerbrechlich, stark und hysterisch, wütend und leidenschaftlich verliebt. Sie spielt sie mit einem Feingefühl und einer Vielschichtigkeit, die verdeutlicht, warum Anna bei keinem ihrer Männer auf längere Sicht bleiben kann und warum sie immer unglücklich bleiben wird.

Neben Kram glänzt Reinhard Peer als Ehemann, der sich an die gesellschaftlichen Regeln klammert und seine eigene Verletzlichkeit lange unterdrückt. Sein Karenin ist keine Beamtenkarikatur, sondern eine erstaunlich menschlich gezeichnete verlorene Seele. Als Wronsky ihm gesteht mit Anna das Land zu verlassen, versucht er erst noch die Kontrolle zu wahren und klopft mit der Hand zum Takt der Musik. Sobald er dann aber allein im kar365Raum verbleibt, vermag es Peer durch seine außerordentliche Mimik von einer auf die andere Sekunde innere Spannung loszulassen und zum gebrochenen Ehemann zu wechseln – eine Sternstunde des Stückes, die ihm zur Überraschung vieler trotz seiner Rolle als Antagonist sofort alle Sympathien zusichert.

 Demgegenüber bleibt der Liebhaber Wronsky blass. Tobias Ulrich wirkt mit seinem starren Ausdruck immer leicht spöttisch-distanziert. Die große Leidenschaft Anna gegenüber nimmt man ihm kaum ab und es liegt auch an ihm, dass die zentrale Liebesgeschichte nicht ganz so stark wirkt wie erwartet.

 Eine weitere Überraschung des Abends bildet deswegen das heimliche Herzstück des Theaters, die herausragend verkörperte Gestalt des Gutsherrn Konstantin Levin, gespielt von Joachim Vollrath. Seine erstmals tragende Rolle verkörpert Vollrath wunderbar dynamisch, emotionsgeladen aber dennoch voller Selbstzweifel für sich selbst und seine Zukunft. Ihm gegenüber setzt Ines Schmiedt als seine Angebetete Kitty mädchenhaft süße und naive Akzente. Die beiden geben dem Schauspiel damit ein willkommenes, sanft optimistisches Gegengewicht zur unausweichlichen Tragik von Annas Schicksal.

Das schon sehr ausgewogene Ensemble bekommt noch als extra Zugabe einen Dandy geliefert, um dessen Züge selbst ein Giacomo Casanova neidisch gewesen wäre: Die Person des Stepan Oblonsky, gespielt von dem herrlich amüsanten Olaf Schürmann. Den Ausspruch, nachdem seine Frau Dolly eine „so wunderbare Frau“ sei, entwickelt sich zum Running-Gag des Abends und in seiner Metapher für die diversen Liebschaften, seiner „Krapfen“ sichert sich Schürmann das Amüsement bis hinter zur letzten Reihe. Sein Pendant bildet die vollkommen verbitterte Ehefrau Dolly, die Antonia Reidel zutiefst gekränkt und enttäuscht von der Liebe überragend spielt.

Trotz aller Tragik, die Tolstois Geschichte innehält, haucht Tröger der Inszenierung viel Leben und Humor ein. Die pointierten Dialoge im Gesellschaftsdrama wirken auf den Zuschauer bis ins Mark und bringen so das zaristische Russland wieder ins Gespräch. Ein großes Vergnügen wird das Theater allein schon durch den „Krapfen“ und die Spielereien zwischen Levin und Kitty, aber auch durch Kostümierung und Lichtregie. Mögen einen die 1200 Seiten bisher abgeschreckt haben, vermag diese Inszenierung so manchen dazu veranlassen, Tolstois Roman gerne mal wieder in die Hand zu nehmen.

 

Weitere Informationen und Termine erfahren Sie unter:

http://www.landestheater-niederbayern.de/index.php?id=4

 

Julia Langhof

                                             

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