Nach einer wahren Geschichte

Es ist die Geschichte eines Mannes, der von Berufs wegen über Leichen ging. Johann Reichhart richtete unter den Nationalsozialisten und später unter der amerikanischen Besetzung über 3000 Menschen hin, unter anderem in Passau. StammtischJetzt hat Christian Lex sein Leben und Wirken in einer sehr sehenswerten Tragikomödie über die Todesstrafe verarbeitet und stellt die Frage: Wie gehen Menschen, die einerseits schreckliche Dinge tun, andererseits mit positiven Gefühlen wie der Liebe um?

Anton Reichmann (gespielt von Dieter Fischer), wie er im Stück heißt, ist geborener Bayer, gelernter Metzger und will sein Geld eigentlich mit einer Gaststätte verdienen. Doch die Familientradition der Scharfrichterei macht ihm einen Strich durch die Rechnung: Mit Henkern oder deren Verwandten will niemand etwas zu tun haben. Den einzigen Ausweg sieht Anton darin, den Beruf seines Onkels fortzuführen, nachdem sein Bruder abgelehnt hat. „Ich bin doch schon kein guter Metzger nicht“, versucht er sich noch aus der Affäre zu ziehen. Doch sein Weg, der über tausende Tote führen soll, ist bereits vorgezeichnet.

Anfangs verdient er noch nicht viel mit den wenigen Aufträgen, muss bei seinem Freund und Frisör Theo Weisbarth (Joachim Vollrath) anschreiben lassen. Anton und TheoÜber der finanziellen Not geht auch die Ehe mit seiner Frau Franziska (Katharina Elisabeth Kram) zu Bruch. Anstatt in der schweren Zeit zusammenzuhalten, leben sie sich immer mehr auseinander – auch, weil Anton sich nun regelmäßig mit der Bedienung Anna trifft, mit der er sogar einen unehelichen Sohn zeugt. Trotzdem wird er immer missmutiger. Die Affäre heitert ihn immer nur kurz auf; das echte Lieben scheint er verlernt zu haben. Doch mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird er plötzlich gebraucht. Sein Vermögen wächst, während seine Seele durch die grausamen Taten immer mehr verarmt.

Außerdem ist da noch das alte Ehepaar Frieda und Herbert Sonneberg (Ksch. Ursula Erb und Cristian Hoening), die zwar eine Hakenkreuzfahne am Balkon hängen haben, sich aber nicht einmal über den Vornamen Hitlers einig werden. Ehepaar SonnebergSie stehen für die breite Bevölkerung, die nichts sehen und hören will und gerade dadurch dem Bösen den Aufstieg erleichtert. Im Glauben, mit dem Recht auch der Gerechtigkeit zuzuarbeiten, meldet Herbert die Flugblätter Theos, der mittlerweile zum Widerständler geworden ist, und bringt ihn damit direkt auf Antons Schafott. Der verliert mit diesem Auftrag nicht nur einen guten Freund und seine letzte Würde; auch Anna will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Einmal glaubt Anton, in einem Wachmann (Joachim Vollrath) seinen alten Freund Theo zu erkennen. Hier wird deutlich, wie sehr die Taten doch sein Gewissen belasten, auch wenn er sich nach außen als wohlhabender Mann in der Blüte seines Lebens gibt.

Am Ende des Stücks steht ein verarmter Mensch, der nicht nur sein Geld, sondern auch seine Selbstachtung verloren hat. Anton ReichmannObwohl einst gut bezahlt, wurde er im Vergleich zu dem, was er leisten musste, doch nur als billige Arbeitskraft missbraucht. Seinen Lebensabend verbringt er als einsamer Hundezüchter. Eines Tages sucht ihn sein Sohn Felix (David Tobias Schneider), der mittlerweile erwachsen ist und mit Theo im Widerstand kämpfte, auf. Weil er mit der Vergangenheit seines Vaters nicht zurecht kommt, bringt er sich nach der Begegnung mit ihm um – genau so wie Johann Reichharts Sohn Hans 1950. In seinem Wirken als Henker führt Anton also nicht nur die verurteilten Straftäter, sondern auch sein eigen Fleisch und Blut in den Tod.

Trotz der Dauer von zweieinhalb Stunden wird das Stück nicht langweilig. Durch die kurzen Dialoge, die immer wieder durch das Cellospiel von Gregor Babica unterbrochen werden, bekommt das Stück einen flotten Erzählrhythmus und verweilt nie zu lange in derselben Situation. Christian Lex’ Version der Geschichte ist nah an der historischen Realität, wirkt aber nicht wie eine bloße Nacherzählung dieser, sondern schafft es durch die klare Handlungsführung, die Frage nach der Liebe immer im Auge zu behalten. Die Inszenierung verliert sich nicht in Details und erlaubt dem Zuschauer so eine Konzentration auf das wesentliche Thema: Wie viel Liebe ist einem Menschen, der derart grausame Taten ausübt, noch möglich?

 

Informationen zu den nächsten Aufführungsterminen unter:
http://www.landestheater-niederbayern.de/index.php?id=1391#c4604

 

Judith Weigl

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