Der bayrische Franzose

Vom Armutsviertel in Boulogne-sur-Mer zum besten Fußballer Europas

Die Biographie des französischen Fußballers Franck Ribéry gleicht auf den ersten Blick einem Mär­chen. Aufgewachsen mit drei Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen im Norden von Boulogne-sur-Mer: Die Gegend ist geprägt von Plattenbauten mit großen Rissen in den Betonwänden, rostigen Türen und vielen Satellitenschüsseln an den Fenstern. „Franck ist jemand, der nie abhebt, weil er weiß, woher er kommt.“ sagt seine Frau Wahiba über ihn. Der quirlige Dribbler hat geschafft wovon viele träumen: Er ist Fußballstar geworden. Wurde zwei Mal zu Frankreichs Fußballer des Jahres gewählt. Gewann mit dem FC Bayern München mehrfach die Deutsche Meisterschaft und den DFB Pokal. Er krönte seine bisherige Karriere mit dem Sieg in der Wahl zu Europas Fußballer des Jahres 2013 und dem historischen Triple aus Deutscher Meisterschaft, DFB Pokalsieg und dem Champi­ons-League Sieg 2013.

Franck Ribéry

Die vom französischen Sportjournalisten Alexis Menuge geschriebene Biographie mit dem schlich­ten Titel ‘Franck’ zeichnet den Werdegang von Franck Ribéry sehr genau nach – wenn auch an eini­gen Stellen Daten und Jahreszahlen fehlen, vor allem als es um die frühesten Stationen und geschei­terten Probetrainings geht. Die zwei schwierigsten Phasen des Fußballers, die für zwei dunkle Fle­cken auf Ribérys bis dahin märchenhaftem Aufstieg sorgen, werden anschaulich geschildert. Das Buch zeigt auch den Menschen, die Persönlichkeit und nicht nur die Fassade des Fußballstars. Vor allem im sehr gelungenen Vorwort von Daniel van Buyten, dem belgischen Nationalspieler und Freund Ribérys beim FC Bayern München, kommt dies zum Ausdruck. „Er hat ein großes Herz und er ist großzügig.“ Die beiden unterstützen einander. Als van Buytens Vater einen Schlaganfall erlitt und Daniel eine Weile bei ihm blieb, zeigte Franck sein Mitgefühl auf besondere Art. Er widmete sein geschossenes Tor Daniel und seinem Vater, indem er beim Torjubel seine Handfläche in die Ka­mera hielt. Darauf stand die Nummer fünf – van Buytens Trikotnummer im Verein. Auch in Ribérys schwerster Phase 2010 stand der Belgier hinter ihm: „ Freunde sind nicht nur in guten, sondern auch in schlechten Zeiten füreinander da. Ich stehe hundertprozentig zu Franck, egal, was passiert.“
Über die Seiten hinweg macht der Autor deutlich, dass dem Spieler seine Familie sehr wichtig ist – ohne sie hätte er den sozialen Aufstieg kaum geschafft. Die Eltern unterstützten die Pläne ihres Soh­nes von Beginn an. Sie legten ihm keine Steine in den Weg und ließen ihn mit 13 Jahren ins 140 Ki­lometer entfernte Fußballinternat des OSC Lille ziehen. Auch als Franck nach seinem Vertragsende 2002 zunächst keinen neuen Verein fand, stärkte ihm die Familie den Rücken. Für zwei Monate half er seinem Vater als Bauarbeiter – eine lehrreiche Zeit, die ihn stark prägte. Das Wohl seiner Familie liegt dem Fußballer sehr am Herzen. Er möchte, dass es ihnen gut geht und sie sich sicher fühlen können – nicht bei allen Vereinen war das der Fall. Insbesondere in der Zeit vor 2007 als Franck nie länger als zwei Jahre für einen Verein spielte. Umso wichtiger ist es ihm, sich auf die Familie verlassen zu können. Dieser starke Familienbezug wirkt sympathisch, man kann sich in den Spieler hineinversetzen und seine Beweggründe besser verstehen. Die Distanz zu Ribéry verringert sich, da man merkt, auch er ist nur ein Mensch wie du und ich.

Als im April 2010 die Sex-Affäre Ribérys mit der minderjährigen Prostituierten Zahia D. öffentlich wurde, stand seine Frau Wahiba weiterhin hinter ihm. Gemeinsam meisterten sie die wohl schwerste Krise ihrer Ehe. „Wir sind aus unseren Krisen immer gestärkt hervorgegangen. Und nun, wegen dieser enormen Dummheit, wäre fast alles vorbei gewesen.“ meint Franck rückblickend. Wahiba selbst hielt sich während des ganzen Skandals im Hintergrund und äußerte sich nicht in der Presse. Auch sein Verein der FC Bayern München stand weiter hinter Franck und versuchte zu helfen wo es ging. Sie konnten jedoch nicht verhindern, dass Ribérys Privatleben in der französischen Presse bis ins kleinste Detail ausgeleuchtet wurde, während die Sex-Affäre in Deutschland kaum ein Thema war. Die in Frankreich erhobene Anklage wegen Sex mit einer minderjährigen Prostituierten wurde im Januar 2014 mit dem Freispruch Ribérys beendet. Durch die, in diesem Kapitel, chronologische Berichterstattung des Autors kann man sich als Leser ein genaues Bild machen, wie es Franck in dieser Phase ging. Der Erzählstil des gesamten Buches wird besonders in dieser Passage deutlich und ist leicht verständlich. Keine komplizierten Schachtelsätze sondern einfach gebaute, verständli­che Sätze. So kann man das Buch auch zwischendurch lesen ohne große Konzentration aufwenden zu müssen, um es zu verstehen.

Die nächste Krise ließ nicht lang auf sich warten. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika kam es im Juni 2010 zu einem Eklat innerhalb der Nationalmannschaft. Nachdem der Stürmer Ni­colas Anelka den damaligen französischen Nationaltrainer Raymond Domenech übel beleidigt hat­te, ließ dieser ihn nicht mehr spielen. Der Fall gelangte an die Presse und wurde zum Politikum. Der ehemalige Staatspräsident Nicolas Sarkozy schickte die französische Sportministerin nach Südafri­ka, um den Fall zu klären. Anelka sollte aus dem Team ausgeschlossen werden, die Spieler um Franck Ribéry weigerten sich daraufhin am Mannschaftstraining teilzunehmen – sie wollten gegen Anelkas Ausschluss protestieren. Der Fall endete mit drei Spielen Sperre für Ribéry. Sein positives Image, das ihn zu Frankreichs Fußballer des Jahres gemacht hatte, hat er noch immer nicht wieder erlangt. Dieser Bruch, die unterschiedlichen Ansichten über Franck Ribéry in Deutschland und sei­nem Heimatland Frankreich, wird von Alexis Menuge anschaulich geschildert und durchgängig mit neuen Aspekten untermauert. Am Ende der Biographie ergibt sich so ein genaues Bild, wie die Menschen in Deutschland und in Frankreich zu dem Fußballer stehen und über ihn denken.

Der Autor versteht es, durch viele Kommentare von Freunden, Mitspielern und ehemaligen Trainern Abwechslung zu schaffen. So kommt man dem Spieler noch ein wenig näher und kann sich ein bes­seres Bild von ihm machen. Zudem wirkt es wesentlich authentischer wenn ein Freund über Ribéry sagt: „Er ist zuvorkommend, nett und offen.“ als wenn dies der Autor selbst täte. Menuge zeichnet das Bild eines sensiblen Fußballers. Diese Sensibilität würde man im ersten Moment nicht erwarten. Wer Franck Ribéry ansieht, bemerkt sofort seine große Narbe im Gesicht – sie stammt von einem Autounfall als er zwei Jahre alt war. „Franck musste mit den bösen Blicken leben, mit dem Spott auf den Straßen von Boulogne-sur-Mer. Die Narben sind ein wichtiger Teil von ihm, haben ihm mehr geholfen als geschadet.“ Die Narben machten ihn stark, schon früh fing er an zu kämpfen, um seine Ziele zu erreichen. „Ich bin stolz auf all das, was ich durchmachen musste. Es war nie einfach. Heute liebe ich mein Gesicht. Und ich liebe mein Leben.“ sagt Ribéry selbst über sich. Bis heute hat sich an dieser Einstellung nichts geändert.

Nichtsdestotrotz hat das Buch einige Auffälligkeiten, die erwähnt werden sollten. Um Sprechpausen zu markieren oder einem Satz eine überraschende Wendung zu geben, werden häufig drei Punkte eingesetzt bevor der Satz weiter geht. Je nach Kontext hat dies den gewünschten Effekt oder es wirkt unpassend. Ein Beispiel für den gelungenen Einsatz gibt es, als es um Ribérys Wechsel zu Olympique Marseille geht: „Und eine nicht unwesentliche Rolle spielte dabei … Jean Fernandez!“ Ein Beispiel für den eher misslungenen Einsatz ist Ribérys Abschied aus Marseille: „Nach seinem letzten Spiel im Stade Vélodrome machte er allein eine Ehrenrunde auf einem … Traktor.“ Auffal­lend ist zudem, dass nach jedem Absatz stets eine Leerzeile eingearbeitet wurde. Man hätte sicher noch einiges mehr über Ribéry schreiben können und hätte die Leerzeilen nicht gebraucht. An zwei Stellen weist es auch grammatische Fehler auf – mal wird ein Wort weggelassen, mal ein völlig an­deres geschrieben. In beiden Fällen verliert der Satz seinen Sinn. Die größte Auffälligkeit sind je­doch die fehlenden Bilder. Jede Biographie oder Autobiographie arbeitet mit Bildern, um dem Leser die verschiedenen Lebensphasen und Stationen der Hauptperson noch genauer vor Augen zu führen. Weshalb in diesem Werk darauf verzichtet wird, ist nicht nachvollziehbar.

Abschließend ist zu bemerken, dass das Cover für das, von oben genannten Schwächen abgesehen, rundum gelungene und in sich stimmige Buch sehr gut gewählt wurde. Es zeigt Franck Ribéry im Portrait. Die rechte Gesichtshälfte mit der Narbe im Licht, die linke im Schatten. Es wirkt sinnbild­lich für den bisherigen Lebensweg des Franzosen, der stets von Licht und Schatten geprägt war. Das Cover weckt Aufmerksamkeit. Das Bild ist so fotografiert, dass man das Gefühl hat Franck Ribéry würde einen direkt ansehen. Für Fußballfans ist diese Biographie so etwas wie eine Pflichtlektüre, schon alleine, weil es das erste umfassende Werk über diesen überaus talentierten Spieler ist. Man bekommt einen Blick hinter die Fassade des Profifußballers und schließt Ribéry ins Herz, egal ob man Fan des FC Bayern München ist oder nicht. Mit seiner Geschichte und seinem Charakter ist er ein großes Vorbild für viele, denen im Leben auch nicht alles zu fällt. Wer mehr über den Menschen Franck Ribéry erfahren möchte, sein Spielsystem verstehen will, dem ist dieses Buch wärmstens zu empfehlen.

Veronique Prause

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.