Die Kehrseite der Medaille

Höher, schneller, weiter. Bloß keine Schwäche zeigen, wenn im Scheinwerferlicht alle Augen auf einen gerichtet sind. Die deutschen Fußballer sind Weltmeister, die Handballer gerade Europameister geworden. Wir lassen uns mitreißen von der Euphorie, die die Teams entfachen. Feiern ihre Erfolge und meinen, die Sportler zu kennen. Doch es ist nicht immer alles Gold, das glänzt. Den harten, steinigen Weg ins Licht sehen wir nicht. Von all den Entbehrungen, welche die Athleten auf sich nehmen, haben wir nur ein vages Bild. Häufig erfahren wir erst dann davon, wenn die Karriere längst beendet ist.

Ariella Kaeslin - Leiden im Licht
Ariella Kaeslin – Leiden im Licht

Robert Enke, Sebastian Deisler oder Sven Hannawald: die Liste von Profisportlern, die auch durch den Spitzensport in Depression und Burn-out getrieben worden sind, ließe sich beliebig verlängern. So auch um den Namen Ariella Kaeslin, ehemalige Schweizer Nationalturnerin. Im Sommer 2011 hat sie dem Spitzensport den Rücken gekehrt. Bis dahin feierten die Medien ihre Erfolge. Europameisterin am Sprung, ihrem Paradegerät. 2009 holte Ariella bei den Weltmeisterschaften in London die Silbermedaille, ebenfalls am Sprung. Im Olympischen Sprungfinale belegte sie den fünften Platz. Ariella stand im Rampenlicht und keiner sah, wie sie litt.
Vier Jahre nach ihrem Rücktritt bricht sie das Schweigen. Gemeinsam mit den Autoren Christof Gertsch und Benjamin Steffen gewährt Ariella in ihrem Buch „Leiden im Licht – Die wahre Geschichte einer Turnerin“ einen Blick hinter die Kulissen. Wir sehen den Trainingsalltag, der bereits in der frühen Kindheit perfekt durchgetaktet ist. Merken, was sie alles für ihren Traum von den Olympischen Spielen aufgibt und investiert. Sind bisweilen geschockt vom rauen Umgangston, der im Schweizer Leistungszentrum in Magglingen zeitweise an den Tag gelegt wurde. Immer besser als die anderen sein, es sich selbst und dem Trainer beweisen. Stark sein, Erfolge feiern – bis der Körper kapituliert. Schonungslos deckt sie auf, was es heißt Profiturnerin zu sein und im Rampenlicht zu stehen. Denn jede Medaille hat zwei Seiten.

Text und Bild: Veronique Prause

 

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