Zukunftsmusik in der Steppe

Die Weltausstellung fand in diesem Jahr unter dem Motto „Future Energy“ in der kasachischen Hauptstadt Astana statt.

Stellen Sie sich vor, Sie sind das neuntgrößte Land der Erde und auf einer Weltkarte findet Sie – niemand. Dass im Westen überhaupt ein paar Menschen Ihren Namen kennen, verdanken Sie einem amerikanischen Comedian, der sich vor einigen Jahren als Ihr Staatsbürger ausgab und mit erfundenem Akzent und knallgrünem Mankini die USA unsicher machte.

Borat mag Kasachstan dem Westen bekannter gemacht haben. Wer den Film jedoch gesehen hat kann sich denken, dass die dortige Regierung bestrebt ist, ihr Land auf andere Weise der Weltgemeinschaft vorzustellen.

Zur Erreichung dieses Ziels ist das Ausrichten von internationalen Großveranstaltungen ein bekanntes und bewährtes Mittel.  In Deutschland weiß man dies spätestens seit der Fußballweltmeisterschaft 2006, bei der sich das Land als weltoffener Gastgeber präsentieren konnte. Leider Gottes befindet sich die kasachische Nationalelf in der FIFA-Weltrangliste auf Rang 105 und ist damit als Repräsentantin ihres Landes nur bedingt geeignet. Eine andere Großveranstaltung musste also her – die EXPO. Als erstes zentralasiatisches Land richtete Kasachstan im Sommer 2017 in seiner Hauptstadt Astana die Weltausstellung aus.

Astana ist mehr oder weniger künstlich mitten in der Steppe entstanden, sodass das riesige Gelände für die Weltausstellung praktischerweise einfach an die Stadt angebaut werden konnte. Mit den Bauten hat sich die seit dem Zerfall der Sowjetunion unabhängige Republik nicht lumpen lassen: In der Tradition des Eiffelturms in Paris und der Space Needle in Seattle entstand als Wahrzeichen der Expo die riesige Kugel „Nur Alem“ im Zentrum der Anlage.

Um diese Kugel herum wurden in konzentrischen Kreisen kommerzielle, thematische und schließlich die Länderpavillons gruppiert. Beinahe alle setzen sich intensiv mit dem Thema der Ausstellung, der Energie der Zukunft, auseinander. Jedes Land scheint auf einmal ganz vorne mit dabei zu sein – dramatische Appelle zur Rettung des Klimas werden vermittelt und die eigenen Errungenschaften auf dem Gebiet erneuerbarer Energien vorgestellt.

Nimmt man sich ehrgeizigerweise vor, jeden einzelnen dieser Pavillons zu besuchen, so wird schnell klar: Es gibt eine begrenzte Zahl an erneuerbaren Energien und es gibt auch eine begrenzte Zahl, sie dem Publikum zu vermitteln. Jede noch so liebevoll und informativ gestaltete Tafel zum Thema „Wasserkraft“ verliert ihre Anziehungskraft, wenn der Besucher eine solche bereits in den drei Pavillons zuvor betrachten konnte.

Wenigstens Österreich beweist bei der Auswahl alternativer Energien Innovationsgeist: Auf Standfahrrädern kann man mit reiner Muskelkraft die „Austrian Power Machine“ antreiben. Dabei handelt es sich um ein quietschbuntes Riesenrad, auf dem Errungenschaften des Landes dargestellt sind wie: Der Opernball, der Prater, das Schloss in Salzburg und natürlich Arnold Schwarzenegger!

Ganz anders läuft es bei den bekanntermaßen humorlosen Nachbarn der Österreicher: Der deutsche Pavillon will sicherstellen, dass sich seine Besucher auf die FAKTEN konzentrieren. Hier kann man mithilfe eines Stabes an jeder Infotafel Punkte sammeln dafür, dass man die Texte auch ja gelesen hat! Schließlich ist man ja nicht zum Spaß hier. Am Ende kann eine Gruppe Besucher mit den Gesammelten Punkten eine Lichtshow aktivieren. Schade nur, dass dies für viele von ihnen bereits die zehnte Lichtshow des Tages gewesen sein dürfte. Energie mit einer Lichtshow zu assoziieren ist nun mal nicht allzu fernliegend.

Der ermattete Besucher ist dankbar um jedes Land, das beschlossen hat, dem Thema „Future Energy“ zu entsagen und stattdessen einfach ein bisschen Werbung für sich selbst zu machen: Im ägyptischen Pavillon geht es um Pyramiden, im russischen ums Polarmeer, im amerikanischen Pavillon wartet ein kurzer Stand-Up, dann folgt ein kitschiger Film darüber, dass wir uns alle lieb haben sollten. Der turkmenische Pavillon thematisiert in erster Linie die Großartigkeit der turkmenischen Präsidenten. Aber wie gesagt – man ist dankbar.

Und wie steht es um Kasachstan selbst? Zur Energiegewinnung verlässt sich das Land nach wie vor in erster Linie auf fossile Brennstoffe, aber ist es immerhin international bekannter geworden? Wird es mit der Energie der Zukunft assoziiert, mit moderner Architektur, mit Gastfreundschaft und Organisationstalent? Auf Expogelände ist fast nur Kasachisch und Russisch zu hören, ein paar chinesische Gruppen sind ebenfalls dabei. Besucher aus anderen Ländern sind nahezu nicht zu finden. Auch insgesamt blieben die Besucherzahlen hinter den Erwartungen zurück.

Das ist Pech für Kasachstan aber auch Pech für den Rest der Welt – ihr entgeht ein spannendes Land, das viel mehr zu bieten hat, als es uns Borat glauben machte.

Fotos: privat

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