Buchrezensionen SS2018

 

Das Wetter erfreut uns mit den ersten sanften Sommerstrahlen und lädt uns herzlich zum Grillen ein. Als Alternative kann man auch ein schönes Buch mitnehmen und in der Natur liegend oder sitzend die Aussichten der Dreiflüssestadt genießen.

Michael Kumpfmüller ‚Die Herrlichkeit des Lebens‘‘ (240 Seiten)

Eine Geschichte darüber, wie Franz Kafka liebte und starb.

„Mein ganzes derzeitiges Leben ist nicht wahr, es findet nur irgendwie statt, während das Leben mit dir nicht stattfindet, aber ohne Zweifel wahr ist’’ – dieses Zitat aus Kafkas Tagebuch ist der letzten, größten und bedeutendsten Liebe des Genies gewidmet. Ihr Name: Dora Diamant; die beiden (Dora und Franz) treffen sich durch Zufall an der Ostsee, wo der unheilbar kranke Kafka den unaufhaltsamen Fortschritt seiner Krankheit zu stoppen versucht. Das junge Mädchen verliebt sich in den verschlossenen, todkranken und mageren Typen mit den hervorstehenden Backenknochen. Fast sofort nach dem Kennenlernen kommt schon wieder die Trennung, die ihnen Kopfzerbrechen bereitet und alles in Zweifel ziehen lässt. Als die Verliebten sich in Berlin wiedertreffen, fängt für die beiden eine neue Zeitperiode an, die zwar voll von Hindernissen ist, aber trotzdem die glücklichste Zeit ihres Lebens wird. Gelingt es den beiden, der Schicksalslaune und den Hindernissen, wie Krankheit, familiären Widerständen, Geldmangel und bösen Gerüchte zu widerstehen?

„Die Herrlichkeit des Lebens’’ von Michael Kumpfmüller – eine schöne, zarte, empfindsame und eindeutig lesenswerte Liebesgeschichte, die gleichzeitig die Traurigkeit und zeitweise Ungerechtigkeit des Lebens in sich beinhaltet.

Bild: www.kiwi-verlag.de

Uwe Timms 1993 erschienene Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ (187 Seiten)

Der 2. Weltkrieg, der in Europa herrschst, Städte und Staaten zerstört und das Leben sämtlicher Bürger verändert, macht auch um die Hauptfiguren dieser Novelle keinen Bogen. Die Hamburgerin Lena ist schon im reifen Alter, der Krieg hat ihr Leben verändert, sie muss stark und selbstständig sein oder zumindest einen solchen Eindruck erwecken. Bremer ist ein junger deutscher Marinesoldat auf Urlaub. Sie begegnen einander im Kino, wo die Vorstellung von einem Luftalarm unterbrochen wird. Sie warten, bis dieser vorbei ist und gehen danach zu Lena, die wegen des Krieges von der Familie getrennt ist.
Bremer bleibt über Nacht, doch anstatt am Morgen aufzubrechen, lässt er sich von Lena überreden, bei ihr zu bleiben, wird also fahnenflüchtig. Beide brechen in einen neuen Lebensabschnitt auf, in dem sie sich von den anderen isolieren müssen. Ihre am Anfang rein sexuelle Beziehung erreicht bald ein neues Niveau: Mit Bremer fühlt Lena sich nicht mehr einsam, sie gewinnt den jungen Mann lieb. Aus Angst ihn zu verlieren, verschweigt sie ihm, dass der Krieg zu Ende ist.
Natürlich kommt im Laufe der Zeit die Wahrheit ans Licht, und eines Tages läuft Bremer einfach weg, lässt nicht einmal einen Zettel zurück, sondern nur seine Uniform. Mit dem Kriegsende ändert sich Lenas Leben erneut, wieder beginnt für sie ein neuer Lebensabschnitt. Die Currywurst findet sich nicht zufällig im Titel der Novelle. Als Nahrungsmittel hat sie zwar keinen wichtigen Platz im Text, doch sie ist ein Symbol für den Geschmack des Lebens, den Lena als Opfer des Krieges verloren hat, aber den sie unbedingt wiederzufinden versucht.

Bild: www.kiwi-verlag.de

Daniel Kehlmanns 2005 erschienener Roman „Die Vermessung der Welt“ (304 Seiten)

Die Hauptfiguren des Romans sind zwei Genies: Alexander von Humboldt und der Mathematiker Carl Friedrich Gauß. Der erste ist adliger Herkunft und hat eine erstklassige Ausbildung, ständiges Fernweh und Angst vor den Frauen; der zweite ist an einem abgelegenen Ort großgeworden und nur dank seinem Schullehrer, der seine Begabung bemerkte und sich für ihn einsetzte, bekam er ein Stipendium und die Möglichkeit das Studium zu absolvieren. Er verlässt seine Stadt so gut wie nie und hat eine Schwäche für Frauen.

Die beiden sind auf den ersten Blick ganz verschiedene Personen, aber trotzdem sind sie einander sehr ähnlich, und zwar in ihrer wahnsinnigen Leidenschaft für die Wissenschaft. Humboldt ist durch und durch ein Wissenschaftler, der sogar auf das Privatleben und romantische Beziehungen verzichtet: Das behindere nur, sagt Humboldt, man heirate, wenn man nichts Wesentliches im Leben vorhabe. Im Gegensatz zu ihm hat der zweite (Gauß) eine Schwäche für die Frauen und heiratet sogar eine. Also ist die Wissenschaft für Humboldt die einzige Liebhaberin, und für Gauß ist sie die einzige, der er treu bleibt (in der Brautnacht springt er aus dem Bett, um eine Formel zu notieren, die ihm plötzlich einfällt).

Daneben erfährt der Leser einiges über die Abenteuer, die Humboldt während seiner Reisen erlebt hat und erhält Einblicke in die eigenartige Familiengeschichte der beiden Männer. Dazu gibt es eine Prise Charakteranalyse und zum Nachtisch etwas von dem subtilen und einzigartigen deutschen Humor, der einen angenehmen Nachgeschmack hinterlässt und sich lange Zeit einprägt. Die genauen Fakten umgarnen mit fiktivem Inhalt. Das Sujet entwickelt sich dynamisch, es gibt keinen Platz für Langeweile. Ungewöhnlich ist nicht nur das Sujet, sondern auch die Form des Textes; meisterlich beherrscht Kehlmann die indirekte Rede, der ganze Text ist im Konjunktiv 1 geschrieben.

Das ganze Bild entspricht natürlich nicht dem Leben eines durchschnittlichen Menschen, das ist aber gerade der Grund, dieses Buch zu lesen und in die besondere Atmosphäre des weltberühmten Werkes Kehlmanns einzutauchen.

Bild: LovelyBooks

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