Wenn Träume das Fliegen verlernen

Mein letzter Schultag endete so, wie mein erster begonnen hatte. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht, stolz zu meinen Eltern blickend und keinerlei Ahnung von dem, was mich noch erwarten sollte. Machte ich mir in den ersten Jahren meines Schullebens noch keinerlei Gedanken über den Unterrichtsstoff – das machen 10-jährige eher selten – so fragte ich mich dann doch ab dem Gymnasium, wie mir das Wissen über den Aufbau einer Bildergeschichte in meinem späteren Beruf als Astronaut weiterhelfen sollte. Auch als Teilzeit-Profi-Fußballspieler, meinem Plan B, rechnete ich mir dafür eher wenige Verwendungszwecke aus. Nichts desto trotz zweifelte ich weiterhin nicht einen Moment an der Entscheidung meiner Schulwahl. Erklärten mir meine Eltern doch immer wieder, dass wenn aus mir etwas werden solle, das Abitur die Mindestvoraussetzung dafür wäre. Also beschritt ich diesen Weg weiter. Ich kämpfte mich Woche für Woche durch Vektorrechnungen, physikalische Gesetze und Gedichtanalysen, bis ich mich plötzlich zwei Monate vor den Abschlussprüfungen wiederfand.

Logischerweise hatten sich im Laufe der Zeit meine Berufswünsche verändert. Ich hatte über die Jahre das Schreiben für mich entdeckt. So wurde aus „Der Weltraum“ „Die Welt“ und die Vorstellung eines Space-Shuttles wich der eines geräumigen Büros. Der Bub war erwachsen geworden und hatte „realistische“ Vorstellungen entwickelt, könnte man meinen. Doch als schließlich die letzte Hürde der Schullaufbahn genommen und die ersten Universitätsbewerbungen verschickt worden waren trifft einen die Erkenntnis wie ein Schlag. Was nun? Die gewohnte Sicherheit des Schulalltags war plötzlich weggebrochen und man befand sich im freien Fall der gewonnenen Freiheit. Die Schule hatte einen bis auf den letzten Schultag vorbereitet, doch was danach kommt, darum sollte man sich doch bitte selber kümmern. Viele stehen nun da, die Eins vor dem Komma, die Null vor dem Plan. Das Flugticket in ein weit entferntes Land ist schnell gebucht, doch ein Jahr später steht man braun gebrannt, mit perfekten australischen Akzent vor demselben Problem. Beratungen, Infoveranstaltungen o.ä. helfen bei der Erkenntnisfindung auch nur bedingt. Der junge Erwachsene hat eine erste wichtige, langfristige Entscheidung in seinem Leben zu treffen, in einem mehr oder weniger kurzfristigen Zeitraum.

 Auch entscheidungsfreudigere Jugendliche stehen in der Zeit nach dem Abitur vor Problemen, auf die sie nicht vorbereitet worden waren. Überfüllte Universitäten/Studiengänge, Wohnungssuche, Mietverträge und vieles mehr sind Punkte, an welche man bisher nicht einen einzigen Gedanken verschwendet hatte. Dabei wird meistens eine elementare Frage komplett übergangen: Will ich überhaupt studieren? Beantwortet wird diese für einen Großteil der Schulabgänger von ihren Eltern oder dem allgemeinen Druck. Wer beruflich erfolgreich sein will muss Akademiker sein, heißt es immer. Das führt jedoch auf der einen Seite dazu, dass Universitäten aus allen Nähten platzen. Im Wintersemester 17/18 verzeichnete die Universität Passau eine Anzahl von 12 581 Studierenden. Ausgelegt war diese einmal für ca. 5000. Der Konkurrenzkampf um die späteren Arbeitsplätze ist heutzutage auch wegen jenem Überangebot enorm hoch. Dass auch andere Faktoren unter dem großen Andrang leiden ist offensichtlich (Wohnungsangebote, Mietpreise, Zulassungsbeschränkungen, etc.). Doch bringt der Grundgedanke „Natürlich studieren“ noch weitere negative Aspekte mit sich. In Deutschland ist die Zahl der Studienabbrecher auch im letzten Jahr stark angestiegen. Jeder dritte beendet aktuell sein Studium in der Frühphase. Die meisten Aufgrund von zu hohen Anforderungen oder zu wenig Motivation. Ohne es zu verallgemeinern sind es dennoch meistens eben jene Leute, welche vielleicht schon gespürt haben, dass ein Studium nichts für sie ist, es aber trotzdem aufgrund des äußeren Drucks begonnen hatten. Somit schließt sich der Kreis und wir sind wieder zurück am den Anfang des Studiums bzw. am Ende der Schulzeit.

 Der Berufswunsch eines 20-jährigen, eines Tages Journalist bei einer namhaften Zeitschrift zu sein trifft nun auf die Realität. Sechs Semester Regelstudienzeit für einen Bachelor in Staatswissenschaften, denn dieser Studiengang sei attraktiver für Zeitungen so sagt man, gefolgt von vier weiteren Semestern für einen Master. Ohne Praktikum hat man sowieso keine Chance auf eine Einstellung und wenn man gerade schon dabei ist am besten noch im Ausland. Drei Fremdsprachen fließend zu beherrschen ist sowieso Pflicht, sonst kann man sich das Papier für die Bewerbung gleich sparen. Dafür sterben schließlich Bäume. Auch nicht streng gläubige Menschen fangen bei solchen Anforderungen das beten an, die Zusage für einen Job als freier Journalist in der ansässigen Lokalzeitung zu erhalten.

 An solchen Tagen erinnert man sich gerne zurück an eine Zeit, in der man von Tag zu Tag, Schulaufgabe zu Schulaufgabe und Ferien zu Ferien gelebt hat. Eine Zeit, frei von Zukunftssorgen, Motivationsschreiben und Drittversuchen. Man lässt die Gedanken schweifen, erinnert sich zurück an seine Kindheit und wie einfach man sich das Leben vorgestellt hat. Dabei bleibt der Blick auf dem verstaubten Spielzeug Raumschiff im Regal hängen. Zufall? Ich glaube nicht.

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