Tante Emmer: Plastik war gestern!

Plastik war gestern

Unverpackt einkaufen in Passaus Tante-Emmer-Laden

Mit dem Tante-Emmer-Laden in der Grabengasse hat sich Carola Böhm einen Traum verwirklicht. Seit der Eröffnung am 14. September 2017 ist der Unverpackt-Laden bei den Passauern für seine saisonalen, qualitativ hochwertigen und regionalen Produkte bekannt. Wir haben das kleine Geschäft besucht und mit der freundlichen Inhaberin gesprochen.

Von Magdalena Schäufl & Sophie Skeisgerski

 

Idee und Inspiration

Der Name „Tante Emmer“ steht nicht nur für das Einkaufserlebnis in den alten Tante-Emma-Läden, sondern verweist vor allem auf den Emmer, der aus der Gruppe der Weizenarten stammt. Bei dem Zweikorn handelt es sich um eine der ältesten und gesündesten Getreidesorten. Im Vergleich zu gewöhnlichem Weizen enthält das Urkorn einen höheren Magnesium- und Eisenwert und einen deutlich höheren Zinkanteil. Seine harten Körner sind dunkler und ergeben ein grobes Mehl. Emmer zeichnet sich durch einen nussig bis würzig-aromatischen Geschmack aus.

Carola Böhm verrät uns, dass Tante Emmer aus der Idee entstanden ist, etwas Bewährtes aus der Vergangenheit in unsere heutige Zeit zu übertragen und Lebensmittel ohne überflüssige Plastikverpackungen und ablenkende Werbeaufschrift oder Werbeversprechen in ihrer natürlichen Form anzubieten.

Bei Betreten des Tante-Emmer-Ladens fallen sofort die großen Spender mit verschiedensten Mehlsorten und Körnern ins Auge.

Unverpackt einzukaufen ist eine Erfahrung für die Sinne und führt automatisch zur Auseinandersetzung mit der Ware. Der Kunde kann das Produkt nicht nur direkt sehen, sondern auch selbst aus den Behältern in mitgebrachte Dosen oder Gläser abfüllen.

Wen beim Einkaufen bislang schonmal die Qual der Wahl geplagt hat und wer bei dem Überfluss an verschiedenen Sorten eines Produkts schon mal die Übersicht verloren hat, der ist im Tante-Emmer-Laden genau richtig. Hier wird sich auf ein kleines Sortiment sorgsam ausgewählter Produkte beschränkt, die klar und einfach präsentiert wer den.

Wer im Winter allerdings nach Tomaten sucht, ist bei Tante Emmer falsch. Da man hier auf regionale Produkte setzt, stehen in der kalten Jahreszeit Steckrüben statt Tomaten auf dem Speiseplan.
Es handelt sich also in gewisser Weise um eine Rückkehr zu den Wurzeln, das Einkaufserlebnis erinnert an eine Zeit vor den großen Lebensmitteldiscountern und regt zum Nachdenken über Konsum und Überfluss in der heutigen Zeit an.

Einkaufen mit allen Sinnen

Bei Tante Emmer kann sich der Kunde nach Belieben die gewünschte Menge eines Produkts herausnehmen. Dies hat zum Vorteil, dass man die neue Sorte Nudeln erstmal in kleiner Menge probieren kann oder das Kichererbsenmehl in der im Rezept vorgegebenen Menge einkaufen kann, ohne viel übrig zu behalten.

Auch bei einem spontanen Besuch ohne mitgebrachte Dosen wird eine Lösung gefunden. Vor Ort können verschieden große Gläser und kleine Stofftaschen erworben werden.

In Zukunft wäre auch ein Austausch der von Kunden mitgebrachten Gefäße möglich, meint Carola Böhm. Dann könnten Kunden saubere Gefäße, die sie nicht benötigen, für einen anderen Kunden dort lassen. Weil die Frage der hygienischen Verantwortung/Haftung noch nicht geklärt ist, konnte die Idee bisher leider noch nicht umgesetzt werden.

Es ist nicht zu übersehen, dass die Inhaberin voller Ideen ist und das Konzept von Tante Emmer sicherlich weiterentwickeln wird.

Treffpunkt in der Grabengasse 

Der Laden in der Grabengasse dient als Treffpunkt, kleine Tische am großen Schaufenster laden zum Verweilen bei einer Tasse frischem Kaffee ein. Während wir uns umschauen, kommen immer wieder Familien, ältere Leute, aber auch Studenten und Schüler in das Geschäft und werden von der Inhaberin herzlich empfangen. Einige Kunden scheinen sich bereits zu kennen und nehmen sich Zeit für einen kleinen Plausch.

Tante Emmer ist von den Passauern sehr gut angenommen worden, sie haben sich voller Neugier darauf eingelassen und kommen zum Teil mit Beuteln voller Gefäße.

Die familiäre Atmosphäre, die Begeisterung und das Interesse der Passauer Kundschaft ist das, was Carola Böhm am meisten Spaß macht. Sie ist immer wieder überrascht und erfreut, mit welcher Überzeugung und Konsequenz einige Kunden ihr Kaufverhalten umgestellt haben. Sie erzählt uns von einer Begegnung mit einer Kundin, die bereits seit zwei Jahren komplett auf Plastik verzichtet. Dieser Austausch mit Gleichgesinnten regt zum gegenseitigen Abschauen an und führt auch schonmal zur kritischen Selbstreflexion der eigenen gewohnten Alltagshandlungen, die Inhaberin bemerkt: „Wir sind alle sehr bequem, das Umlernen braucht Zeit“.

Angebote des Unverpackt-Ladens

Besonders überrascht sind wir von dem vielseitigen Angebot in dem Unverpackt-Laden. Begeistert hat uns, dass nicht nur Lebensmittel wie beispielsweise offene Teesorten, regionales Bier, Gewürze, Süßigkeiten, verschiedene Mehlsorten, Müsli, Reis, Nudeln, ganzes und gemahlenes Getreide, frisches Obst und Gemüse, Eier, Milchprodukte, Brot, Trockenfrüchte, Vanillezucker, Puddingpulver, sondern auch zahlreiche Kosmetikprodukte, wie lose Zahnputztabletten, Haarseifen, Zahnbürsten aus Bambus, Seifen, Wattestäbchen, Seifenkissen, Deocreme, Wasch- und Reinigungsmittel und auch Bücher über das Leben mit wenig Plastik an geboten werden.

Als besonders angenehm empfinden wir es, dass alle Waren übersichtlich mit Schildern gekennzeichnet sind, welche den Preis und die genaue Herkunft offenlegen.

Carola Böhm erzählt uns, dass die Bestseller Butter, Haferflocken, Obst, Gemüse, Gummibärchen ohne Gelatine und das Brot von der Grafmühle aus Thyrnau sind.

Wir stellen uns die Frage wie die Waren ohne Plastikverpackungen überhaupt angeliefert werden können. Die Ladeninhaberin erklärt uns, dass die Trockenwaren in großen 5kg-Papiertüten geliefert werden. Diese werden selbstverständlich weiterverwendet, beispielsweise als Brotbeutel für die Kunden oder als Mülltüten.

Herausforderungen für Carola Böhm

Auf die Inhaberin kommen immer wieder neue Herausforderungen zu.

So hat sich zum Beispiel gezeigt, dass nicht vollkommen auf Plastik verzichtet werden kann, da einige empfindliche Produkte, wie zum Beispiel Nüsse, die sehr anfällig für Schädlinge sind, Gummibärchen und Trockenfürchte, in einer Plastikverpackung angeliefert werden. Das lasse sich nicht vermeiden, da müsse man dann Kompromisse eingehen, erklärt sie uns.

Sie legt grundsätzlich Wert darauf, dass die Ware in einer möglichst großen Verpackung geliefert wird und nicht in mehreren kleineren Verpackungen. So könne man schon eine Menge Verpackungsmüll einsparen. Außerdem werden die Tüten natürlich immer weiter genutzt.

Leider kann momentan noch kein loser Kaffee angeboten werden, da der Kaffee ohne Vakuumverpackung sein Aroma verliert – ein Problem, das die Inhaberin bereits mit dem Kaffeehändler zu lösen versucht.

Herkunft der Produkte

Besonders interessant finden wir auch von welchen regionalen Herstellern die engagierte Inhaberin des Unverpackt-Ladens ihre Waren bezieht.
Die Backwaren bezieht Carola Böhm von der Grafmühle in Thyrnau, welche zu den ältesten Mühlen- und Bäckereibetrieben in ganz Deutschland gehört und seit 1713 im Besitz der Familie Bauer ist. Die Grafmühle ist bekannt für die Verwendung von natürlichen und hochwertigen Zutaten, die hohe Qualität der Ware und die traditionelle Verarbeitung im Holzbackofen.

Die Eier kommen vom Biohof Pfell aus Obernzell. Die Hühner werden dort in einem sogenannten Hühnermobil gehalten. Das Hühnermobil ist ein voll ausgestatteter Stall für Legehennen, welcher einen Boden und Räder hat und regelmäßig den Standort wechselt, damit den Tieren immer frisches Grünfutter und unbenutzte Grünflächen zur Verfügung stehen. Die artgerechte Haltung und die ständige Versorgung mit saftigem Gras gewährleistet schmackhafte Bio-Eier in bester Qualität.

Die Nudeln kommen vom Englfinger Hof in Schöllnach. Die Bio Nudelmanufaktur zeichnet sich dafür aus, dass die Nudeln traditionell luftgetrocknet werden.
Einige Milchprodukte sind von der Bio-Käserei Somann aus Esternberg. Der Betrieb hat sich bereits seit vielen Jahren auf die Produktion von Käse aus Ziegen-, Schaf- und Kuhmilch spezialisiert. Verwendet wird hierfür beste Heumilch, was eine gute Qualität gewährleistet.

Seifen bezieht Carola Böhm unter anderem von Hedonna – duftende und pflegende Kosmetik aus Ortenburg. Die besonderen Seifen werden ausschließlich im Kaltrührverfahren und mit besten Zutaten aus Anbau oder Wildsammlung hergestellt. Auf künstliche Aromen und Farbstoffe wird verzichtet.

Die Haarwaschseifen sind eines der wenigen Produkte, die die Inhaberin von Tante Emmer nicht direkt aus der näheren Umgebung bezieht. Sie kommen von Savion aus Happurg, eine Manufaktur für handgemachte Seifen mit Bio-Pflanzenölen, die komplett auf Palmöl verzichten. Die Seifen von Savion werden sehr umweltschonend hergestellt und sind bekannt für den hohen Anteil an nativem Olivenöl. Dieses sorgt für weiche, geschmeidige Haare und sorgt für ein glänzendes Aussehen.

Gewürze und Tee kommen von Sonnentor, der Bergkäutergenossenschaft Mühlviertel und von der Sonnengarten-Manufaktur von Maria Stephan aus Aldersbach-Pörndorf. In aufwendiger Handarbeit fertigt sie hochwertige Produkte aus naturbelassenen Zutaten an, die größtenteils sogar aus ihrem eigenen Garten kommen.

Die nachhaltigen Hygieneartikel aus Bambus stammen von BambuDent aus Passau.

Im Tante-Emmer-Laden werden beispielsweise Zahnbürsten, Zahnputzbecher und Wattestäbchen von BambuDent angeboten. Bambus wird verwendet, weil er zu 100% recycelbar ist und sich durch seine natürliche, antibakterielle Wirkung bestens für Pflegeprodukte eignet. Die Zahnbürsten werden in einem Betrieb in China unter fairen  Bedingungen produziert.

Hilfreice Tipps für umweltbewusste Studenten

Wir fragen die sympathische und offene Inhaberin, ob sie denn für uns Studenten wertvolle Tipps zum Umweltschutz hat.

Sie legt uns nahe, saisonales Obst und Gemüse am besten auf dem Wochenmarkt oder im Unverpackt-Laden einzukaufen. Außerdem erzählt sie uns, dass sie ein sehr großer Fan aller Art von verschiedensten Sharing-Angeboten ist. Indem man möglichst viel gebraucht kauft und auch verkauft, kann man nicht nur einen nennenswerten Beitrag für die Umwelt leisten, sondern auch den eigenen Geldbeutel schonen und anderen eine Freude machen. Hier empfiehlt sie uns nicht nur Flohmärkte, sondern auch Secondhandläden, wie beispielsweise Vinty’s.  „Bei Vinty’s finde ich eigentlich immer etwas. Auch wenn ich nur schauen will.“, sagt sie. Darüber hinaus ist es nicht nur für die Umwelt von Nutzen, sondern es bringt auch für einen selbst Vorteile, wenn man möglichst viele Dinge wiederverwertet anstatt sie wegzuwerfen.
Wir fragen Frau Böhm was sie von dem Trend hält, Lebensmittel im Internet zu bestellen. „Das finde ich furchtbar und dramatisch. Es ist genau ein Schritt in die falsche Richtung, weil die ganze Kommunikation verloren geht. Die sozialen Kontakte werden weniger und keiner geht mehr nach draußen.“

Zukunft von Tante Emmer

Die motivierte und engagierte Inhaberin ist mit ihren Ideen noch lange nicht am Ende angelangt. Sie möchte ihr Angebot laufend ergänzen und erweitern. Im Bereich der Kosmetik ist es ihr Wunsch, Abschminkpads und Monatshygieneartikel für Frauen anzubieten. Außerdem möchte sie das Angebot an Ölen und Süßigkeiten erweitern. Darüber hinaus wünscht sich Carola Böhm, dass die Umsetzung des Verkaufstisches für die Gläser der Kunden klappt.  Im Sommer plant sie außerdem mehrere kleine Tische nach draußen zu stellen und so den gemütlichen und familiären Charakter des Ladens noch weiter auszubauen.

Für die Zukunft wünscht sich Carola Böhm, dass ihre Kunden weiterhin gerne kommen und ihr treu bleiben.

 

Auch wenn es uns Studenten vielleicht finanziell nicht möglich ist, den kompletten Wocheneinkauf im Tante-Emmer-Laden zu besorgen, können wir dennoch den eigenen Konsum hinterfragen, mit wachsamerem Blick einkaufen und Gewohnheiten Stück für Stück verändern.

Wer neugierig geworden ist, kann Tante Emmer im Internet unter tante-emmer.com und auf Facebook finden oder dem Laden einfach einen Besuch abstatten – und anschließend unbedingt weitererzählen, denn Mundpropaganda ist laut Carola Böhm in Passau die beste Werbung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.