Lebensmittel für 12 Milliarden Menschen

Warum produzieren wir mehr als wir essen können? Und warum müssen trotzdem Millionen Menschen weltweit hungern?

Von Magdalena Schäufl und Sarah Mühlbauer.

Voller Gelassenheit schlendern wir Kunden in unseren Supermärkten an vollen Regalen vorbei und wollen uns dem Eindruck hingeben, alles im Überfluss zu haben. Die Selbstverständlichkeit mit der die Verfügbarkeit von Lebensmitteln in Deutschland und der restlichen westlichen Welt betrachtet wird, ist erschreckend. Dass davon jedes achte Produkt weggeschmissen wird, ist zum Standard geworden. Denn scheinbar ohne Gewissensbisse landen jedes Jahr weltweit 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel im Müll.

Passau bildet hierbei keine Ausnahme: Täglich werden mehr als 25.000 Kilo Nahrungsmittel weggeworfen. Wichtig ist es, jetzt zu handeln und der Lebensmittelverschwendung den Kampf anzusagen.

Aber warum wird so viel weggeschmissen? Zu viel gekauft zu haben und Nahrungsmittel wegschmeißen, weil sie kurz vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum oder sogar darüber sind, sind die gängigsten Ausreden. Hinzu kommt die unrealistische Erwartung der Konsumenten, stets das Beste vom Besten haben zu müssen. Die Regale müssen zum bersten gefüllt sein mit Äpfeln und Bananen, alle ohne jeglichen Makel oder Schönheitsfehler. Die Supermärkte sind gezwungen, sich den Erwartungen der Konsumenten zu beugen und sollen selbst kurz vor Ladenschluss noch die gleiche Vielfalt bieten, wie zu Beginn des Tages. Die Folge ist ein Überschuss an Produkten, die vor Ablaufen des Mindesthaltbarkeitsdatums nicht mehr verkauft oder gespendet werden können.

Zumindest in einem Punkt haben die Konzerne Gegenmaßnahmen gegen das Wegschmeißen ergriffen: Bei Aktionen wie „Krumme Dinger“ (Aldi) oder „NaturgutBio-Helden“ (Penny) werden auch Nahrungsmittel angeboten, die sonst bei der Ernte aussortiert werden würden, da sie vermeintliche optische Mängel aufweisen. Nicht nur Supermärkte folgen diesem Ansatz: Zahlreiche Startups wie „Dörrwerk“ oder „Knödelkult“ bieten auf ihren Websites Produkte aus Lebensmitteln an, die sonst weggeworfen werden würden.

Auf der anderen Seite der Wertschöpfungskette, also beim Endverbraucher, hat Carola Böhm einen Weg gefunden, wie man vermeiden kann, dass Produkte weggeschmissen werden, die man zu viel gekauft hat. In ihrem Unverpackt-Laden „Tante Emmer“ in Passau bietet sie ausschließlich Bio-Lebensmittel an, die sie von regionalen Anbietern bezieht. Je nach Eigenbedarf kann man sich Mehl, Eier und Co. in mitgebrachte Behälter abfüllen lassen und entgeht so dem Risiko etwas wegschmeißen zu müssen, was man vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums nicht mehr verwerten kann.

Doch alle diese Maßnahmen basieren auf freiwilliger Basis: In Deutschland gibt es keine rechtlichen Vorschriften, die das Entsorgen von Lebensmitteln betreffen. In Frankreich müssen Supermärkte mit Strafen von bis zu 3.500 Euro rechnen, wenn sie keine Kooperation mit Wohltätigkeitsorganisationen eingehen. In Italien wird mit Steuervergünstigungen für Konzerne geworben und die bürokratischen Hürden für das Spenden von Lebensmitteln werden abgebaut. Nur durch gesetzliche Regelungen kann auch in Deutschland langfristig gegen Lebensmittelverschwendung vorgegangen werden. Wenn man auf die Bereitschaft des Einzelnen und die Menschlichkeit von Großkonzernen setzt, hat man auf Dauer auf das falsche Pferd gesetzt.

Beitragsbild von The Creative Exchange via Unsplash.