Zwei Flüsse. Drei Löwen. Ein Brauer.

Sein Beruf passt zu ihm. Das sieht man auf den ersten Blick. Tobias Homolka (20) ist etwa 1,90 Meter groß, Sonnenbrille, breites Kreuz, seine blonden Haare erinnern an frische Sommergerste. Auf Bayerisch würde man sagen, er is a g’standens Mannsbild. Und er hat einen Beruf, von dem viele nur träumen können.

Tobias macht eine Ausbildung zum Brauer und Mälzer. Der Herkunftsort des flüssigen, bayerischen Golds ist sein Arbeitsplatz. Treffpunkt Löwenbrauerei Passau. Von außen ist dem Gebäude seine immense Größe nicht anzusehen. Seine gelb-weiße Fassade
thront über der Passauer Stadtmitte, wie der Löwe, den es im Namen trägt. Das große, stählerne Eingangstor hat schon so manchen betrunkenen Gestalten den Weg versperrt, die meinen sich noch ein gratis Bier für den Heimweg zapfen zu können, erzählt Tobias schmunzelnd. Gleich am Eingangsbereich ist ein sogenannter „Schalander“. „Das ist quasi ein brauereieigenes Wirtshaus“, erklärt er. Es sei Brauereitradition, dass man hier mal nach der Arbeit ab und zu noch beisammensitzt und gemeinsam Feierabend macht.

Nachdem Tobias mittlerweile seit einigen Jahren im Gasthof Andorfer an der Theke arbeitet, war für ihn früh klar, dass er einmal Brauer werden will. „Da war es erstmal ein echter Rückschlag, dass ich die Ausbildung beim Andorfer nicht machen konnte. Der Traum war erstmal aus“, erzählt er. Aber es sollte anders kommen, denn kurz darauf hat er bei der Löwenbrauerei unterschrieben.

„Das war echt ein Glück. Wenn hier alle drei Jahre ein oder zwei Brauer gesucht werden, ist das schon viel.“ Seine erste Station führt ihn heute in den Gärkeller. Durch dicke Metalltüren hindurch führt der Weg hinunter, unter die Erde. Schlagartig kühlt es ab, die Raumtemperatur liegt bei knapp über zwei Grad Celsius. „Der Lichtschalter
liegt gleich da hinten“, sagt er. Im Stockdunklen geht er mit seiner Handytaschenlampe voran. Metallkolosse an beiden Seiten spiegeln das Licht nur mäßig.

Tobias geht sicheren Schrittes voran, bis das Licht den großen Raum erhellt. „Diese Tanks hier haben ein Volumen von 142 Hektolitern, aber wir haben auch noch größere“, erklärt der angehende Brauer. Vorbei an der Filtrationsanlage, durch zahlreiche Gänge und Treppen führt ihn sein Weg zum Lagerkeller. Hier ist es sogar noch kälter, aber Tobias scheint die Kälte nichts auszumachen, er hat sogar kurze Hosen an. Beim Sprechen bilden sich Atemwolken: „Hier wird das Bier vier bis fünf Wochen gelagert“. Tank an Tank reiht sich aneinander. „So einer ist in zwei Stunden leer gepumpt“, sagt er lässig. Für ihn ist das hier Arbeitsalltag.

Als einer von zwei Azubis ist es unter anderem seine Aufgabe, diese Tanks nach dem Auspumpen zu reinigen. Er zeigt auf die kleine Luke, durch die er sich dann hindurchzwängen muss. Es scheint unmöglich, dass er bei seiner Größe da hineinpasst, aber er lacht nur und sagt „Ja gut, ab und zu zwickt man sich schon mal was ein, aber des geht schon“.

Die Ausbildung zum Brauer und Mälzer hat schon seine Vorteile. So sind der Zusammenhalt und die Gemeinschaft unter den Brauern unglaublich groß, erzählt Tobias. Sowohl in der Firma, als auch in der Berufsschule in München sind sie wie eine große Familie. „Alle sind nett und helfen einander, es gibt eigentlich keine Konkurrenz unter den Azubis aus den verschiedenen Brauereien“. Zwölf Wochen im Jahr ist Tobias in der Berufsschule. Nach der Wirtschaftsschule hat er die klassischen Fächer, wie Deutsch, Mathe, Englisch hinter sich gelassen. „Wir nehmen verschiedene Lernfelder durch, wie Filtration, oder Gärung, die wir dann am Praxistag in der eigenen Brauerei umsetzen können.“

Aber auch Tobias hat mal schlechte Tage und wenn morgens um acht Uhr die Verkostung von zehn Pils ansteht, sieht er nicht immer mit Freude dem Arbeitstag entgegen. Andere heikle Situationen, die die Ausbildung zum Brauer mit sich bringen kann, sind Führerscheinkontrollen. „Manchmal hat man eben nicht 0,00 Promille, wenn man von einer Verkostung nach Hause fährt“, erzählt er. „Meistens sind die Polizisten aber einsichtig und lassen einen dann weiterfahren, wenn man ihnen erklärt, dass man Brauer ist“.

Weiter auf dem Weg zum Gärprozess erklärt er, dass er als Brauer mit dem Bier selbst nie in Kontakt kommt während seiner Herstellung. Denn mit Ausnahme des offengärenden Weizens, darf kein Bier in Kontakt mit Sauerstoff kommen. Bei der Gärung selbst verwandelt die Hefe im Bier den Zucker zu Alkohol. „Wir messen das, indem wir den Zuckergehalt prüfen“. Dazu stehen in einem Regal an der Seite Filtrationswerk-
zeuge, die eher an einen Biologieunterricht erinnern, als an typische Brauerwerkzeuge. Die übriggebliebene Hefe setzt sich nach dem Gärprozess am Boden ab und wird aufgesammelt. „Wir verkaufen die Hefe und das übrige geschrotete Malz, was wir nicht mehr brauchen als Tierfutter an die Bauern. Beim Brauprozess an sich entsteht so gut wie gar kein Abfall.“

Seine letzte Station heute ist das Sudhaus. Oberirdisch gelegen steigt die Temperatur wieder, in den Räumen ist es schwül-warm. Es riecht leicht süßlich, aber nicht nach dem klassischen Biergeruch. Im Sudhaus, erklärt er, wird 24/7 Malz geschrotetund das Bier im sogenannten „Whirlpool“ am Ende aufgekocht. Der ganze Brauprozess ist vollständig technologisiert. Zahlreiche Kabel verbinden unter anderem die Sudkessel mit einem zentralen Computer, über den sich sämtliche Vorgänge steuern lassen. Störungen meldet das System selbstständig per App an den Brauer in Bereitschaft.

Durch das Labyrinth an Räumen und Gängen kehrt Tobias schließlich zum „Schalander“ zurück. Er lehnt sich ans Fenster und steckt sich eine Zigarette an. Sein Blick wandert zum Exerzierplatz, wo gerade die dritte Oide Dult stattfindet. Die typischen Volksfest-
geräusche dringen bis zur Löwenbrauerei herauf und er erzählt, dass die Brauer im Sommer schon mal gut 100 Veranstaltungen besuchen. Das Volksfest wird zur Pflichtveranstaltung, der Bieranstich zum neun Uhr Termin. „Aber das sehe ich locker, mir macht diese Arbeit ah Spaß“, sagt der angehende Brauer mit einem frechen Augenzwinkern.

Mit einem Klischee will er aber noch aufräumen: „Alle denken immer, dass Brauer in Tracht arbeiten, aber das stimmt nicht, das ist völliger Quatsch“, lacht er. Nach der Ausbildung will Tobias erstmal in Passau bleiben. Die Türen würden ihm offenstehen, meint
er, weil man als bayerischer Brauer weltweit gefragt ist – „Wenn man an Bier denkt, denkt man an Bayern“. Tobias ist auch eher Traditionalist. Den Trend zu modernen Craft Beers findet er weniger gut. Wasser, Malz, Hopfen und Hefe reichen seiner Meinung nach
aus, um ein richtig gutes Bier zu brauen. Sein Favorit ist und bleibt das hauseigene Helle. „Nicht umsonst ist es 2012 zum weltbesten Bier ausgezeichnet worden“, sagt er stolz. Mit einem letzten Blick nach draußen, macht Tobias seine Zigarette aus, steht auf und verabschiedet sich. Er muss jetzt zur Oiden Dult. Die Arbeit ruft.

Beitragsbild von Timothy Dykes via Unsplash.