Heteros sollten sich auf jeden Fall outen müssen – und je peinlicher, desto besser

Der Film „Love, Simon“ (2018, Greg Berlanti) basiert auf dem Roman „Nur drei Worte“ (original: Simon vs. The Homo Sapiens Agenda) von Becky Albertalli. Es geht um zwei homosexuelle Teenager auf der Highschool, die mit ihrem Geheimnis zu kämpfen haben. Simon (Nick Robinson) und Blue (Keiynan Lonsdale) kennen sich nicht, tauschen aber unter anonymen Benutzernamen E-Mails aus. Eines Tages gerät eine dieser Mails in die falschen Hände und die wahren Gefühle der beiden werden auf die Probe gestellt. Der Roman und dessen Verfilmung erzählen die gleiche Geschichte auf ihre ganz eigene, medienspezifische Art. Ein Vergleich zwischen Buch und Film.

Von Laura Blümel.

Jeder kennt die gemischten Gefühle, wenn Lieblingsromane verfilmt werden. Wird die Hauptfigur auch tatsächlich so sein, wie wir sie uns im Buch vorgestellt haben? Wie stark ändert der Film die Geschichte? Welche Szenen werden rausgeschnitten? Kann die Leinwand das besondere Flair, das wir beim Lesen empfunden haben, widerspiegeln? Solche Fragen gehen dem Buchliebhaber durch den Kopf, bevor er sich die Verfilmung ansieht. Denn entweder verlässt er den Kinosaal hochbegeistert oder sehr enttäuscht und zornig.

Sehr oft werden bestimmte Handlungen im Film anders dargestellt, oder gar rausgeschnitten. Manche Änderungen sind gravierend, andere tun dem allgemeinen Verlauf keinen Abbruch. Von beiden Sorten gibt es in „Love, Simon“ einige Beispiele. Ein Ereignis, welches anders als im Buch dargestellt wird, ist die Halloweenparty. Im Roman bleibt Blue der Party fern. […] „Dieses Jahr werde ich mich gar nicht verkleiden, weil ich nicht ausgehe. […] Ich muss zu Hause bleiben und Süßigkeitendienst schieben.“ (Zitat: Blue). Im Film allerdings tut er das genaue Gegenteil: er selbst veranstaltet die Feier, verkleidet sich und küsst obendrein betrunken ein Mädchen. Was macht das mit der Figur, die wir im Buch als zurückhaltend und introvertiert kennenlernen? Sie verwandelt sich auf der Leinwand in jemanden, der auf den Zuschauer rebellisch und draufgängerisch wirkt.

Zudem verleugnet Blue indirekt seine Homosexualität, indem er für kurze Zeit mit einem Mädchen intim wird. In dem Roman hält er sein Geheimnis seiner Familie gegenüber zwar lange geheim, aber Blue erwähnt mit keinem Wort, dass er sich für seine Gefühle schämt.

Im Mittelpunkt stehen natürlich die Protagonisten. Jedem, der das Buch zuerst gelesen hat, schwebt ein individuelles Bild der Figur im Kopf vor. Manche Figuren werden in Verfilmungen so gezeigt, wie wir sie uns vorgestellt haben, andere weniger. Vom Eindruck her erfahren wir im Roman mehr von Blue als im Film. Das liegt daran, dass
wir als Leser die Mails von ihm besser im Fokus haben.

Wir lernen einen klugen, zurückhaltenden und grammatikalisch sehr korrekten Blue kennen, dessen schlichte Ehrlichkeit und Liebenswürdigkeit direkt ins Herz trifft.
Der Leser rätselt ständig: Wer ist Blue? Ist es der Junge aus dem Theater? Aus dem Fußballteam? Allerdings sehen wir auf der Leinwand einen Blue, der sich ein wenig vom zurückhaltenden Teenager aus dem Roman unterscheidet.

Er wirkt dadurch ein wenig „wilder“ und selbstsicherer als er tatsächlich beschrieben wird. Schließlich möchte er im Roman nicht ohne Grund gleich verraten wer er ist.
Nichtsdestotrotz ist seine Darstellung in der Verfilmung reizend, (wir bedenken vor allen Dingen das süßeste Lächeln überhaupt). Er behält durch sein Verhalten Simon gegenüber, seine liebenswerte Seite und zum Schluss, als er sich neben Simon in die Gondel setzt, erhaschen wir wieder etwas von seiner sympathischen Schüchternheit.

Dann ist da noch Simon. Als Leser kennen wir ihn als zurückhaltenden Charakter, der sich in einer Phase befindet, in der er sich ausprobiert. Er geht auf Partys und sammelt
erste Erfahrungen mit Alkohol. Im Roman erfahren wir viel über seine Gefühlswelt, besonders aus den Mails, die er an Blue verschickt. Denn nur ihm offenbart er sich, teilt
all seine Gedanken, die von witzig, zu bezaubernd über skurril bis hin zu herzergreifend reichen. Sie bringen den Leser zum Schmunzeln und zum Nachdenken. Der Darsteller im Film (Nick Robinson) schafft es, den Charakter auf der Leinwand ungekünstelt und echt wirken zu lassen.

Der Zuschauer wird mitgerissen von Szenen, in denen Simon weint. In denen Simon vor Aufregung durch sein Zimmer hastet, bevor er seine erste Mail an Blue sendet. Wir erleben einen Simon, der die Initiative ergreift, Blue im wahren Leben kennenzulernen und der Welt zu zeigen, wer er ist. Kurz: Als Leser schließen wir beide Simons sofort in unsere Herzen.

Trotz einiger Unterscheide zwischen dem Original und dessen Verfilmung, bleibt die Botschaft die gleiche. Ob nun jemand hetero, schwul, bi oder etwas anderes ist: Ein
Jeder verdient Akzeptanz, Wertschätzung und die wahre Liebe. Becky Albertalli schreibt in ihrem Roman: „Es ist definitiv nervig, dass hetero die Norm ist und dass nur diejenigen,
die nicht in diese Form passen, sich Gedanken machen müssen. Peinlichkeit sollte überhaupt die Grundbedingung sein.“ Besonders die Filmszene, in denen sich Heteros vor ihren Eltern outen, macht diesen Standpunkt klar.

Beitragsbild von Laura Blümel.