Schlechtes Wetter im Paradies? Ein Reise-Realitätscheck

Abenteuer, gute Laune, gebräunte Gesichter – so sehen die Social-Media-Accounts vieler Backpacker aus. Während meiner letzten Rucksackreise in den Semesterferien habe ich meinen Freunden im quadratischen Instagram-Format die schönsten Seiten Costa Ricas und Nicaraguas präsentiert. Als Motive dienten wolkenverhangene Nebelwälder, karibische Strände, koloniale Architektur und Vulkanlandschaften. Allerdings zeigen die Bilder nicht, dass mich die fast sechswöchige Reise immer wieder an meine Grenzen gebracht hat. In den sozialen Medien möchten wir nur das Beste zeigen, das Makellose, das im Filter Aufgehübschte. Hier möchte ich deshalb aus dem Nähkästchen plaudern und meine persönlichen top five Reise-Fails preisgeben.

  1. Die Magen-Darm-Grippe der anderen

Auch wenn man sich gerade erst im Hostel oder während einer Busfahrt kennengelernt hat, spricht man mit anderen Backpackern über erstaunlich intime Themen wie Verdauung oder Magen-Darm-Grippe. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir Reisenden aus westlichen Ländern alle im selben Boot sitzen, wenn es um die Verträglichkeit von Chili, fettigem Essen oder Leitungswasser geht. Die Tütchen mit Elektrolyt-Pulver werden unter Reisenden daher hoch gehandelt und man erfährt die eine oder andere Krankheitsgeschichte – Geschichten, über die man im Nachhinein schmunzeln kann. Eine Backpackerin erzählte mir von einem Tauchkurs in Thailand. Ich möchte nicht zu sehr in die ekligen Details gehen, aber die Geschichte handelte von einem Taucheranzug und plötzlichem Durchfall.

  1. It’s a man’s world

Ein Thema, mit dem man sich als alleinreisende Frau leider immer noch beschäftigen muss, ist die Sicherheit. Natürlich kann man auch als Mann überfallen und ausgeraubt werden, aber als Frau können schon alltägliche Situationen brenzlig werden: In der Türkei in einem vollen Bus stehen, zum Beispiel. In Mittelamerika schienen es die Männer besonders witzig zu finden, mit ihren Autos möglichst nah an uns Frauen vorbeizufahren, um uns Angst zu machen. Männliches Dominanzgehabe, echt ätzend! Ich habe mich gefragt, ist das kulturelle Vielfalt, muss ich das hinnehmen wenn ich im Ausland bin? Später habe ich mit Studenten der Universität von San José, der Hauptstadt Costa Ricas, gesprochen und war froh, dass sie sich genauso über toxische Männlichkeit aufregen konnten wie ich.

  1. Die klassische Touristen-Abzocke

Ich habe schon einmal 50 Euro für ein Visum für Malaysia bezahlt. Nur, als Deutsche Staatsbürgerin brauche ich für die Einreise überhaupt kein Visum: Ein klassischer Fall von dreister Touri-Abzocke! Leider bemerkt man solche Fehler oft erst wenn es schon zu spät ist. Ein bisschen ärgere ich mich noch heute, aber Schwamm drüber. Ein anderer Deutscher erzählte mir vor Kurzem, dass er für seine Reise in Mittelamerika ein „Abzocke-Budget“ eingeplant hat. Etwa 200 Euro hat er während seinem sechsmonatigen Trip für überteuerte Touri-Angebote vorgesehen. Das ist auch eine Art damit umzugehen!

  1. Das endlose Packen

Es ist morgens um fünf in einem Hostel-Schlafsaal. Während alle anderen noch schlafen, müssen meine Freundin und ich uns beeilen, um den ersten Bus zu erwischen. Schnell duschen, anziehen und die Sachen packen. Endlich ist alles verstaut und ich bin bereit zum Losgehen. Aber eins fehlt: Socken! Und die sind ganz unten im Rucksack. Meine Freundin kann sich ein Augenrollen nicht verkneifen und reicht mir ein Paar von ihren. So oder so ähnlich läuft es jedes Mal ab, wenn ich unter Zeitdruck packen muss. Was für eine Sisyphosarbeit, immer wieder aufs Neue alles in den Rucksack quetschen zu müssen – egal ob die Klamotten gerollt oder gefaltet werden. 

  1. Do you speak english?

Irgendwie komme ich schon zurecht, hatte ich gedacht. Die werden schon Englisch verstehen in Peking, hatte ich gedacht. Die Sprachbarriere, die in meiner Vorstellung die Gestalt einer kniehohen Buchsbaumhecke angenommen hatte, sollte sich in der Realität allerdings als mehrere Meter hohe Betonmauer mit Stacheldraht entpuppen. An einem Busbahnhof mitten in der Hauptstadt machte ich mich auf die Suche nach einem Bus, der mich zum Hostel bringen würde. Schnell stellte ich fest, dass ich alleine ziemlich aufgeschmissen sein würde, denn es gab keinerlei Hinweise oder Schilder auf Englisch. Selbst die Anzeigen an den Bussen waren nur in chinesischen Schriftzeichen. Keine Chance, hier mit nichts weiter als der Adresse des Hostels auf einem Papierzettel zurechtzukommen. Mein Smartphone war keine große Hilfe, weil weder Internet noch Telefonieren funktionierte. Vermutlich von der chinesischen Regierung gesperrt, erklärten mir später andere Reisende, denen es ebenso ging. Wenn das mit dem Bus nicht klappt, nehme ich ein Taxi, dachte ich. Bei dem Blick auf die Adresse, die sowohl in Chinesisch als auch in Englisch notiert war, winkte jedoch ein Taxifahrer nach dem anderen ab und ließ mich wortlos stehen. Niemand konnte mir weiterhelfen. Nach über einer Stunde hilflosen Suchens in der prallen Sonne und mit schwerem Gepäck war ich den Tränen nahe, als eine junge Chinesin auf mich zukam. Sie war meine Rettung und zeigte mir den richtigen Bus und erklärte in fließendem Englisch, bei welchem Halt ich aussteigen sollte. Während der Reise gab es einige solcher Momente, aber zuletzt gab es doch immer eine Lösung. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Moment, als ich nachts auf der Straße ein Taxi zum Flughafen heranwinken musste. Wie sich herausstellte, verstand der Taxifahrer kein Wort Englisch, auch nicht das Wort „Airport“. Was nun? Mit ausgebreiteten Armen stehe ich also nachts in Peking auf der Straße und versuche pantomimisch ein Flugzeug darzustellen. Was soll ich sagen, ich bin am Flughafen angekommen!

Wir halten fest: Reisen auf eigene Faust kann manchmal anstrengend sein. Trotzdem kann viele Backpacker nichts davon abhalten. Worin besteht der Reiz der Rucksackreise und warum nicht einfach eine Pauschalreise buchen? Die Antwort fällt nicht schwer: Es ist die Freiheit, nicht zu wissen was morgen kommt, sich spontan treiben zu lassen und der Abstand vom Alltag. Schwierige Situationen im Ausland zu meistern und an die persönlichen Grenzen zu gehen gibt Mut und Selbstvertrauen und macht eigene Stärken bewusst.

Beitragsbild von Julentto Photography via Unsplash.