Prächtige Bauten, Sandalenfilme und der geflügelte Schrecken. Ein Tag in Sevilla

An einem Dienstagmorgen im November ging es mit dem Zug aus Málaga ins schöne Sevilla. Málaga war das Winterquartier meiner Wahl, um einmal der jährlichen
Rutschpartie auf den glatten, schmalen Bürgersteigen der Passauer Innstraße während eines Auslandssemesters im Süden zu entfliehen. Das Beste am Auslandssemester
in Málaga sind, neben dem zugegeben schönen Hafen, die Ausgehmöglichkeiten, die Stadtstrände, natürlich das Málaga-Eis und die Nähe zu südspanischen Traumstädten wie Granada, Córdoba, Cádiz und eben Sevilla, unserem Ausflugsziel an diesem sonnig-warmen Novembertag (für Deutschland-Überwinterer ein Widerspruch in sich).

Von Nando Suhre.

Nach gut zwei Stunden Zugfahrt spuckte der komfortable AVE (Äquivalent zum deutschen ICE) meine Begleitung und mich in der Éstación de Santa Justa aus, von wo aus unsere Ziele fußläufig bequem zu erreichen waren. Per pedes erschließen sich auch die zahlreichen pittoresken Parks und gedrungenen Gässchen der Stadt. In einem dieser wunderschönen Parks, dem Parque de Maria Luisa, erlebten wir den ersten Höhepunkt unseres Tagesausfluges. Allein durch seine Größe beeindruckt der Plaza de España von Sevilla und überragt wortwörtlich seine Namensvetter in anderen spanischen Städten.

Erbaut zur Iberoamerikanischen Weltausstellung 1929, umarmt ein langgezogener, halbkreisförmiger Palast den mosaikgemusterten Platz, so wie die fotografierten und staunenden Pärchen vor seinen Prunksäulen. Der Palast und ein großer, betretbarer Balkon boten uns jede Menge Motive, die in keiner gut-sortierten Instagram-Galerie fehlen sollten. Wem beim Laufen die Beine müde werden, kann einfach in einem der ausleihbaren Boote unter den schlanken, eleganten Brücken durch den Palastgraben zurückrudern oder seine Reise in einer der (ebenso emissionsfreien) Pferdekutschen fortsetzen. Beim Überqueren der Brücken fühlten wir uns ein wenig an Venedig erinnert, nur ohne die erdrückenden Touristenmassen.

Für Menschen mit Angst vor Tiermassen dagegen ist der geflügelte Schrecken nichts, der uns auf dem zufällig entdeckten Plaza de America heimsuchte. Ich habe nie das Buch „Der Schwarm“ von Frank Schätzing gelesen (in welchem die Tiere sich zusammenrotten, um die Menschheit zu erobern), aber so stelle ich es mir vor: Ahnungslos setzte ich mich auf eine der Bänke im vom Völkerkundemuseum und Königspavillon umgebenen Plaza de America – als es passierte. Tauben. Sie kamen von überall. Ähnlich gefräßig wie ihre Dinosaurier-Vorfahren stürzten sie sich auf jeden Brotkrümel, dem sie habhaft werden konnten. Selbstmörderische oder naive Touristen können im berüchtigten “Parque de las Palomas“ sogar abgepackte Brotbeutel an einem kleinen Verkaufsstand erstehen. Meine Begleitung musste machtlos zusehen, wie ich allmählich unter einer Wolke von hunderten wagemutigen, weißgefiederten Tauben verschwand. Wenn ihr Horror-Fans seid und euch Hitchcocks Klassiker „Die Vögel“ gefallen hat, seid ihr hier richtig.

Was für Granada die Alhambra oder für Córdoba die Mézquita, ist für Sevilla die María de la Seda – eine mächtige Kathedrale im Herzen der Gassen des Viertels Santa Cruz. So mächtig, dass sie die größte gotische Kirche und drittgrößte Kathedrale der Welt ist (nach dem Petersdom und der St. Paul’s Cathedral). Ein echtes Must-See also. Nur leider hielten sich ihre Öffnungszeiten nicht an das Konzept der offenen Kirche, weshalb wir „leider draußen bleiben“ mussten. Macht nichts, selbst von außen kann man die Pracht hinter
den mit Spitztürmchen gespickten Mauern erahnen.

Bei unserer Erkundungstour durch Sevilla, einer Legende nach vom griechischen Herakles gegründet, hatten wir an diesem Tag also schon einiges gesehen und erlebt. Als wir schließlich abends wie die Stiere bei einer Hetzjagd durch Pamplona durch Arenakatakomben mit Ausstellungsstücken wie bunt-verzierten Kleidern und
scharfen Lanzen gejagt wurden, fielen uns daher schon vor wohliger Müdigkeit langsam die Augen zu. Schließlich beschritten wir die sprichwörtliche Höhle der Löwen (Stiere), hörten das Knirschen des senfgelben Sandes unter unseren Schuhsohlen und fühlten uns wie Ridley Scott in Gladiator oder – für die etwas Jüngeren unter euch – wie Daenerys aus Game of Thrones in der Sklavenarena von Meereen. Fun Fact: Drehort für diese Szene war die Stadt Osuna, die nur etwa eine Autostunde von Sevilla entfernt ist. Bei aller Romantisierung sollte es euch kein Geheimnis sein, dass bei Stierkämpfen Tiere gequält werden.

Es gibt noch viel mehr zu sehen in Sevilla, wie den Königspalast Reales Alcázares oder den paradiesischen Themenpark Isla Mágica. Ein aufregender und lohnenswerter Tagesausflug in eine Stadt, die sicherlich auch einen längeren Aufenthalt wert ist.

Beitragsbild von V2F via Unsplash.