Talentfrei untalentiert mit Aussicht auf Winterschlaf

Der Sommer hat sich längst verabschiedet, die Jahreszeitenlotterie hat den Herbst just übersprungen und da stehe ich nun in meinen Ballerinas vor der Uni und die ersten Schneeflocken signalisieren mir mäßig subtil: es wird Winter! Ich könnte mich jetzt in meinen depressiven Stimmungseintrübungen suhlen, eine Vicodin einschmeißen, mich in mein unbeheiztes WG Zimmer verkriechen und einen dreimonatigen Winterschlaf halten. Zugegebenermaßen ist die Idee auch ganz verlockend, den vielen Schneematsch, die abgefrorenen Gliedmaßen und den Weihnachtsbesuch bei der tyrannischen Stiefoma einfach zu überschlafen und im Frühling so beglückt aufzuwachen, als hätte man sich eine Packung Johanniskraut-Dragees auf Ex reingepfiffen. Aber das wäre zwecks diverser – wie man so schön sagt – universitärer und außeruniversitärer Verpflichtungen wohl doch keine so gute Idee. Also habe ich mir vor etlichen Jahren ein adrettes Winterhobby gesucht, um die kalten Tage wenigstens mit einem festgefrorenen Grinsen im Gesicht zu überstehen. Kurz: Ich gehe Snowboarden. Eine herrliche Sportart, wenn man mal von der Kälte absieht! Meinen Argusaugen ist dennoch nicht entgangen, dass, seitdem sich die hippe Jugend von heute coole Snowboarder auf ihre Schulordner klebt, die Snowboardschulen wie überdüngte Pilze aus dem Permafrostboden schießen. Wie die Lemminge wälzen sich Massen von untalentierten Trotzdem-Boardern die Hänge der Skigebiete dieser Welt herunter. Aber anstatt Ranicki-haft auf den unkultivierten Plebs zu schimpfen gebe ich zu: Auch ich habe einmal klein angefangen. Eigentlich habe ich ja auch nichts gegen all die Snowboard Neuanfänger aus der Wintersport Serienproduktion, die sich Weihnachten fluchs noch das Snowboard-Rundum-Sorglos-Paket vom Kommerz-Papi schenken lassen und dann mit Marken-Vollaustattung inklusive Helm und Rückenprotektor bewaffnet zum 3-Tages ,,Boarden leicht gemacht’’- Kurs stapfen. Wenn sich dann aber der erste gleich so mit seinem Schlepplift-Bügel verknotet hat, dass ihn am besten die Feuerwehr per Schneidbrenner aus den Liftpfosten säbeln sollte, stelle ich mir die Frage nach dem übergeordneten Sinn des großen Ganzen. Muss man denn unbedingt auf Biegen und Brechen etwas versuchen, zu dem man denn ganz augenscheinlich keinerlei Talent besitzt? Ich meine, ich könnte auch versuchen bei Popstars mitzumachen, theoretisch, aber praktisch haben mir bereits einige Instanzen versichert – darunter auch mein Musiklehrer, der in der 5. Klasse zum ersten Mal in seiner Schullaufbahn eine 6 im Singen verteilt hat – dass bei mir nicht einmal der Ansatz für musikalisches Talent vorhanden ist. Wahrscheinlich fehlt mir sogar das ganze Gen. Hier also mein Vorschlag zur Güte: Aufgrund des weit verbreiteten konsequenten Verzichts auf jegliche Kurvenaktivität setzt man den gemeinen Snowboard Anfänger als mobilen Pisten-Schaber in für Pistenraupen unzugänglichen Berggebieten ein. Dazu stattet man ihn mit Second-Hand-Snowboards aus und enteignet ihn jeglichen Marken-Equipments, das ich dann treuhänderisch verwalte und auf den zwangsentleerten Pisten zu Testzwecken einsetze. Mir wäre damit definitiv geholfen. Aber genug gequatscht, ich muss jetzt wirklich aufhören. Schließlich muss ich noch in die Stadt ein paar Snowboardmagazine kaufen. So ein Ordner beklebt sich ja nicht von alleine.

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