Das Problem mit der Emanzipation

Bis jetzt war ich immer der Meinung, ich sei ziemlich emanzipiert. Ich lasse mich von niemandem aushalten, habe den Plan, nach dem Studium Karriere zu machen, scheue nicht davor zurück auch einem Mann zu widersprechen und würde nicht im Traum darauf kommen mich automatisch einem Mann unterzuordnen. Heutzutage eigentlich völlig normal.

Doch vor Kurzem, ist mir etwas passiert, das hat mein Selbstbild auf den Kopf gestellt.

Wie viele meiner KommilitonInnen besuche ich zurzeit ein Hauptseminar. Mein Dozent ist unter den Studenten für seine Sportlichkeit bekannt. Er hält seinen Vorlesungen oft Mal in einem enganliegenden Hemd, um seinen gestählten Oberkörper zur Schau zu stellen, in den Mittagspausen geht er mit seinen wissenschaftlichen Mitarbeitern Joggen und – und genau hier liegt das Problem – er fährt mit dem Rad zur Uni.

Neulich abends, als ich mich gerade auf mein Fahrrad geschwungen habe, um nach einem langen Unitag nach Hause zu fahren, biege ich nichts Böses ahnend auf die Innstraße ein und da fährt er, der Sportler-Prof, mit seinem Fahrrad genau neben mir.

Freundlich und höflich wie ich bin, grüße ich ihn erst einmal und stelle so sicher, dass er auch ja weiß, wer ich bin. Doch dann offenbart sich mir ein Dilemma: Soll ich ihn jetzt überholen – denn mal ehrlich, so schnell fährt er nicht – oder lasse ich mich zurückfallen? Überhole ich, laufe ich Gefahr ihn in seiner sportlichen Ehre zu kränken, was sich in meinen Noten widerspiegeln könnte. Lasse ich mich zurückfallen, käme das einer Unterordnung gleich und würde meine sämtlichen Grundsätze in Frage stellen. Doch lange kann ich auch nicht mehr neben ihm herfahren, ohne dass die Situation irgendwie komisch wird.

Also entscheide ich mich, meinen HISQIS-Ausdruck im Blick, für zurückfallen lassen und ärger mich, den gesamten Heimweg über meine Feigheit.

Solltet ihr, liebe Leser, in eine ähnliche Situation kommen, dann überholt! Keine Note der Welt ist diese Selbsterniedrigung wert.

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