„Die meisten sind wieder hier und wollen weitermachen“

 

 

Christopher, könntest du dich kurz vorstellen?

Ich heiße Christopher und komme ursprünglich aus Bamberg. Von 2005 bis 2010 habe ich in Passau Jura studiert. Momentan bin ich als Stipendiat des DAAD in Tokio. Ich lerne hier Japanisch und werde einige Praktika machen, um Arbeitserfahrung in Japan zu sammeln.

Wo warst du, als das Erdbeben in Japan einsetzte? Was waren deine ersten Gedanken?

Ich war an einem Bahnhof im Begriff umzusteigen. Es war ungefähr das fünfte spürbare Erdbeben seit ich in Tokio bin, wenn auch etwas stärker. Die Gedanken danach waren erstmal recht banal: Wann fährt der Zug weiter? Werden wir unseren Termin schaffen? Als klar wurde, dass das nichts mehr wird, sind wir nach Hause gelaufen und in ein Café gegangen, um zu warten. Was sich im Norden abspielte, erfuhren wir erst später aus den Nachrichten.

Wie hast du die darauffolgenden Wochen nach dem 11. März erlebt?

Die erste Woche war sehr frustrierend. Man hoffte jeden Tag, dass es besser wird. Eine genaue Einschätzung der tatsächlichen Gefahr war für mich zu diesem Zeitpunkt nicht möglich. Dazu kam bei vielen der Stress von zu Hause durch Freunde und Familie, die durch die deutschen Medien in Aufruhr versetzt wurden. Nach zirka einer Woche hatte ich das Warten satt und habe mich entschlossen, mich selbst zu informieren. Ich habe mir Fachwissen über die ganzen Einheiten und Strahlungsarten angelesen und eine Fülle von Messwerten in und um Japan ausgewertet und verglichen. So konnte ich recht schnell bessere, eigene Einschätzungen vornehmen. Im Nachhinein würde ich sagen, dass ich in diesen Wochen viel gelernt habe über den Umgang mit Gefahren und Krisenmanagement.

 

Du sagtest, die deutschen Medien haben euch in Aufruhr versetzt. Inwiefern?

Da könnte man ein ganzes Buch drüber schreiben. Tendenziell bin ich recht enttäuscht von den deutschen Medien, weil sie mir in dieser Situation keine hilfreichen Informationen vermittelt haben. Die Schlagzeile „Atommeiler außer Kontrolle – Tokio in Angst” hilft vielleicht dem Umsatz, aber ich kann daraus keine Entscheidungen herleiten. Die deutschen Zeitungen schreiben halt nicht für die paar tausend Deutsche in Japan, sondern für das Publikum zu Hause. Das musste ich akzeptieren und mich nach Alternativen umgucken.

Stellte die japanische Berichterstattung eine Alternative dar?

Die japanischen Medien sind sehr sachlich und fokussiert auf die schlichte Weitergabe von Informationen, ohne diese groß zu bewerten. Das ist ganz angenehm, weil einem nicht gesagt wird, was man denken soll. Es fordert vom Zuschauer allerdings viel eigene Arbeit, die vielen Informationen irgendwie zu interpretieren und einzuordnen und viele machen sich diese Mühe nicht.

Wie sieht die momentane Situation in Tokio aus? Sind die Menschen zum Alltagsleben zurückgekehrt?

Die Menschen in Tokio sind im Prinzip am Tag nach dem Erdbeben zum Alltag zurückgekehrt. Klar gab es einige Einschränkungen, weil nicht alle Züge fuhren und man anfangen musste, Strom zu sparen, aber im Grunde lief das Leben hier geordnet ab. Mittlerweile merkt man eigentlich gar nichts mehr. Die Reklametafeln leuchten alle wieder und auch die zeitweise täglichen Nachbeben haben nachgelassen. Vor kurzem war ich Wandern in den Bergen und habe mir Tokio von oben angesehen. April/Mai ist die schönste Zeit des Jahres in Japan.

Du besuchst eine japanische Sprachschule. Ist der Schul- und Universitätsalltag weitgehend normal gestartet?

Meine Schule ist mit zwei Wochen Verzögerung gestartet. Es sind auch nicht alle Schüler zurückgekommen. Manche haben sich entschlossen, ihr Studium in Japan abzubrechen. Die meisten sind aber wieder hier und wollen weitermachen. In den Tsunamiregionen gibt es natürlich viel größere Probleme. Manche Universitäten haben das Semester damit begonnen, erstmal den Schlamm aus den Gängen zu putzen. Dort ist an Unialltag nicht zu denken. Vor allem, wenn die Uni gleichzeitig als Notunterkunft dient und mehrere hundert Menschen in der Turnhalle leben.

 

Gehen die japanischen Studenten anders mit dem Geschehenen um als andere Bevölkerungsgruppen?

Ich glaube nicht, dass es da einen Unterschied zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen gibt. Die Japaner haben sich mehr oder weniger alle bemüht, möglichst schnell Normalität herzustellen und die geregelten Abläufe nicht zu gefährden. Nicht weil sie blauäugig sind, sondern weil sie wissen, dass es das Wichtigste in Krisensituationen ist, nicht in Panik zu geraten. So konnten die Probleme so gering wie möglich gehalten werden. Den Zusammenhalt fand ich sehr beeindruckend. Es war auch sehr lehrreich zu sehen, wie eine Gesellschaft ohne große Führung zusammenarbeiten kann, wenn jeder mitmacht. Ich habe großes Vertrauen, dass Japan diese Krise meistern wird.

 

Wie bewertest du den Umgang der japanischen Regierung mit der Katastrophe?

Es gibt immer Dinge, die man hätte besser machen können. Aber das zu bewerten, steht mir nicht zu. Abgesehen davon haben die Japaner schnell ein sehr dichtes Netz aus Messstationen im Land installiert, deren Werte jeder im Internet abrufen konnte und noch immer kann (Anmerkung der Redaktion: Suchmaschinen-Stichwort „MEXT radioactivity“). Auch Messwerte von Trinkwasser und Gemüse wurden schnell ermittelt und online zugänglich gemacht. Das empfand ich als sehr vertrauensstiftende Maßnahme. Durch diese Transparenz und die am Anfang fast stündlichen Lageberichte aus dem Kraftwerk ist es gelungen, eine größere Panik zu vermeiden, die vielleicht nochmal tausende Todesopfer gefordert hätte. Gut sieht eine Regierung in einer solchen Situation allerdings nie aus.

Wie geht es jetzt weiter in den Krisenregionen? Was kann man tun?

Ich habe einen japanischen Freund aus Fukushima und ich versuche gerade mit ihm ein konkretes Projekt zu finden, das wir als DAAD-Stipendiaten mit unseren Mitteln vorantreiben könnten. Dabei kann es sich zum Beispiel um eine Schule, ein Krankenhaus oder eine Notunterkunft handeln, die wir in irgendeiner Weise unterstützen würden. Genaueres steht leider noch nicht fest, da wir noch ganz am Anfang sind und nicht sagen können, ob wir überhaupt was finden, wo wir sinnvoll Hilfe leisten können. Wenn es soweit ist, würde ich mich natürlich auch über Unterstützung aus Passau freuen! Wer Lust hat, mitzumachen, kann sich beim CaTer melden.
Darüber hinaus helfen vor allem symbolische Gesten wie das Freundschaftsspiel zwischen Dortmund und einer japanischen Mannschaft vor Kurzem. Dieses Jahr ist 150-jähriges Jubiläum der deutsch-japanischen Freundschaft, das mit vielen Veranstaltungen und Festakten in Deutschland und Japan begangen wird. Was die Japaner jetzt von uns erwarten, ist, dass wir zeigen, dass wir es mit dieser Freundschaft ernst meinen.

 

Was würdest du zukünftigen Austauschstudenten in Japan mit auf den Weg geben?

Erstmal sich nicht davon abhalten lassen, zu kommen. Japan ist ein großes Land und so schlimm es in den betroffenen Gebieten auch ist, bleibt es doch aller Voraussicht nach eher ein lokales Problem. Wer beispielsweise über ein Studium in Kyoto nachdenkt, für den hat Fukushima keine Relevanz. Aber natürlich sollte man sich immer so gut wie möglich informieren, zum Beispiel über die Seite der deutschen Botschaft in Tokio.
Abgesehen von all dem bietet Japan einfach großartige Gelegenheiten für Auslandssemester. Asien wird in der Welt immer wichtiger und Europa, das sich immer empört, wenn in den USA jemand denkt, Belgien sei eine Stadt in Frankreich, praktiziert eine ähnliche Ignoranz gegenüber Fernost. Das wird langfristig unsere Chancen in der Welt schmälern, aber dafür die Chancen von Absolventen mit Asienerfahrung steigern.
Ich kann ein oder zwei Semester hier nur empfehlen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.