„Die wichtigsten Shows finden nicht auf der großen Bühne statt“

Herr Reuther, wie viele „Shows“ mussten Sie in Ihrem Leben schon abliefern?

Ich hatte sicherlich viele 100 Auftritte in allen Größen. Für die Liebhaber der exakten Zahl: Sehr wahrscheinlich waren es 723 Shows. Referate in der Schule und an der Uni, beim Radio moderieren, meine Medienarbeit präsentieren, als Sänger auftreten, Schulungen geben Reden halten, Geschichten in der Kantine erzählen und so weiter.

Und welche davon war die erste geile?

Meine allererste Show lief gleich 1A. Ich habe zum zehnten Geburtstag einen Zauberkasten geschenkt bekommen, ein paar Tricks einstudiert und die dann gleich beim Sommerfest in der Siedlung gezeigt – ein voller Erfolg. Von da an hab ich jede Gelegenheit genutzt, irgendwem irgendwas zu zeigen. Mir ist erst später klar geworden, was für ein Glück ich mit dem ersten Mal hatte. Viele Menschen machen bei ihren ersten Auftritten anscheinend eine üble Erfahrung und die schleppen sie dann in Form von Auftrittsangst durch ihr ganzes Leben.

Was hat Sie schließlich dazu veranlasst, ein Buch über richtiges Vortragen zu schreiben?

Die Idee dazu ist während eines Gespräches entstanden. In Baden-Württemberg müssen Schülerinnen und Schüler ab der 7. Klasse jedes Jahr eine größere Präsentation halten. Ein befreundeter Lehrer hat mir erzählt, wie grauenvoll die Präsentationen in der Schule zum Teil sind: Drei Absätze aus Wikipedia kopieren, auf zwei Folien packen und dann alles vorlesen.

Nun gibt es für Geschäftsleute reichlich Bücher über das Thema „Präsentieren“. Aber ein Buch für Schüler, Studenten und Berufsanfänger kannte ich nicht. Also dachte ich: Da müsste mal jemand ran, der super präsentieren und auch noch toll schreiben kann. Und vor allem muss es jemand sein, der ein aufgeblasenes Ego besitzt, das über den Frust beim Buchschreiben hinweghilft. Das klang nach mir.

Finden Sie, mit ihren Tipps und Tricks kann jeder ein Publikum begeistern?

Nein. Ich wäre schon froh, wenn ich mehr als zwei Drittel der Menschen erreiche. Und das liegt nicht an den Tipps. Die sind spitzenklasse, finde ich. Mein Schreibstil liegt allerdings nicht jedem. Ich schreibe fürs Hören, das habe ich beim Radiomachen gelernt. Also: kurze Sätze, Alltagssprache, viel Verben und so weiter. Manchen Menschen ist die „Geile Show!“ nicht seriös und wissenschaftlich genug.

Ich finde allerdings, dass prinzipiell jeder Mensch lernen kann, ein Publikum zu begeistern. Wenn nicht mit meinem Buch, dann sicher mit einem anderen. Oder mit einem guten Lehrer. Wir haben in etwa alle die gleiche Ausstattung, die für eine geile Show nötig ist: ein Hirn zum Denken, ein Herz zum Fühlen und Arme, Beine, ein Gesicht und eine Stimme zum Ausdrücken.

Muss ein Student den Großteil davon nicht sowieso schon drauf haben?

Unbedingt. Leider ist es meiner Erfahrung nach nicht so. Ich hab schon einige Referate, Vorlesungen, Präsentationen und Reden gehört. Die meisten waren leider nicht besonders gut, um es vorsichtig zu sagen. Ich erkläre mir das damit, dass in der üblichen Schullaufbahn kein Platz für Präsentationstechniken ist. Es wird anscheinend erwartet, dass Menschen sich das selbst beibringen. Das tun sie aber leider nicht. Was sehr schade ist – denn diese Fähigkeit nützt an vielen Stellen im Leben.

Warum ist es für jeden wichtig, eine geile Show abliefern zu können, ganz egal wer er ist und was er beruflich tut oder einmal tun möchte?

Die wichtigsten Shows finden nicht auf der großen Bühne statt. Es sind die vielen kleinen Auftritte, die das Leben fordert: Mündliche Prüfungen, Vorstellungsgespräche, die Präsentation einer tollen Idee vor der Geschäftsleitung, eine Rede am Grab eines Freundes. Es lohnt sich also, schon früh und in einem ungefährlichen Rahmen das Showmachen zu üben. Schwimmen lernt man auch besser im Kinderplanschbecken und nicht erst im Meer, wenn das Schiff grade untergeht.

In Ihrem Buch „Geile Show“ beschreiben Sie, wie man Informationen sucht, daraus einen überzeugenden Vortrag bastelt und das Ganze anschließend auch noch einigermaßen überzeugend präsentiert. Woran hapert es denn in der Praxis am meisten?

Das häufigste Problem ist meiner Erfahrung nach, dass die Show nicht für das Publikum gemacht wurde, also nicht zielgruppengerecht ist. Ich hab schon perfekte Shows erlebt: präzise recherchiert, toll ausgearbeitet und stark auf die Bühne gebracht – trotzdem sind sie am Publikum vorbeigegangen. Weil den Menschen das Fachwissen gefehlt hat oder sie alles schon wussten, weil die Witze nicht gezündet haben und überhaupt, wie war der denn angezogen.

Deshalb stehen am Anfang in der Vorbereitung jeder geilen Show für mich immer die Frage nach der Zielgruppe. Was weiß das Publikum über das Thema, wie alt sind die Menschen, welche Sprache sprechen sie und so weiter. Es gilt die Regel: Was du willst, ist wurscht. Wichtig ist, was dein Publikum will.

Und warum ist der Satz „Sei einfach so, wie du bist!“ für Sie ein schlechter Rat?

Weil niemand als Showmaster geboren wird. Die meisten Menschen wollen vor einer Bühne eher davonlaufen. Und das ist ganz normal. Eine Show ist etwas Künstliches, da können wir nicht wir selbst oder „ganz natürlich“ sein. Der Trick ist es, wie ein Schauspieler in eine Rolle zu schlüpfen. Schauspieler sind ja auch keine Kommissare oder Mörder, sie spielen das nur.

Fallen dann Personalmanager im Vorstellungsgespräch einfach nur auf den besten Schauspieler herein?

Keine Ahnung, ob es da eine Regel gibt. Ich unterscheide zwischen einem „Schauspieler“, der vorhandenes Fachwissen gekonnt rüberbringt, und einem „Blender“, der mangelndes Fachwissen nur übertüncht. Ich gehe davon aus, dass Personalchefs die Blender entlarven können. Meine persönliche Erfahrung als Personalverantwortlicher: Ich habe bei ähnlichem Fachwissen immer den Menschen vorgezogen, der sich auch noch gut präsentieren konnte. Ich mache allerdings Was-mit-Medien und da kommt es berufsbedingt auf die Darstellung von Inhalten an. Ich beobachte jedoch, dass in immer mehr Bereichen präsentiert werden muss, die früher eher als still galten: Fertigung, Verwaltung, IT.

Forschungen sagen: Eine gute Präsentation lebt zu 55 Prozent von der Körpersprache und 38 Prozent macht die Stimme aus. Das, was gesagt wird, fällt mit nur 7 Prozent schon fast nicht mehr ins Gewicht. Unterschreibt man so etwas als Redeprofi?

Diese 7–38–55-Regel geht auf Albert Mehrabian zurück. Der hat in den 1960er Jahren erforscht, welcher Kanal in der Kommunikation überwiegt, wenn gleichzeitig widersprüchliche Botschaften vermittelt werden. Zum Beispiel hat er getestet, wie Menschen reagieren, wenn sie das Wort „schrecklich“ mit fröhlicher Stimme gesprochen hören. Seine Schlussfolgerung: Fröhliche Stimme sticht schrecklichen Inhalt.

Irgend jemand hat in der Folge diese sehr speziellen Ergebnisse auf Kommunikation im Allgemeinen übertragen und dann lief es wie beim Spinat. Einer hat vom anderen abgeschrieben und irgendwann ist es eine eiserne Regel geworden. Und dann hat sehr lange keiner mehr nachgemessen, ob wirklich so viel Eisen ist im Spinat. Und ob wirklich nur 7 Prozent Inhalt wichtig ist in einer Präsentation.

Meine Show-Erfahrungen sowohl auf der Bühne als auch im Publikum sagen etwas anderes als 7–38–55: Der Inhalt ist am wichtigsten, danach kommen Körper und Stimme. Aber mit Zahlen belegen kann ich das nicht.

Die letzten 60 Minuten vor der Show und die erste geredete Minute bezeichnen Sie als die schlimmste Zeit bei einer Show. Haben Sie einige Tricks gegen die Angst vor dem Versagen auf Lager?

Ich verbringe die letzten Minuten vor einer Show am besten mit „Atem zählen“, „Show vorstellen“ und entspanntem Herumlaufen. Im Buch liest sich das etwa so:

a. „Atem zählen“ ist eine alte Zen-Übung: Setz dich an einen ruhigen Ort. Schließ die Augen. Beim nächsten Einatmen denkst du „1“. Beim Ausatmen denkst du wieder „1“. Beim folgenden Atemzug denkst du „2 – 2“ und so weiter. Wenn du bei „10“ angekommen bist, dann fängst du wieder bei „1“ an. Wichtig ist, dass du deinen Atem nur beobachtest und zählst. Verändere deinen Atem aber nicht, atme also nicht tiefer oder anders. Mach das eine Weile, und deine Gedanken kommen ganz von allein zur Ruhe.

b. Der Sinn hinter „Show vorstellen“: Menschen haben besonders Angst vor etwas, das sie nicht genau kennen oder nicht einordnen können. Komische Geräusche in der Wohnung, fremde Menschen, eine unbekannte Situation. Ein gutes Mittel gegen die Angst ist, dir die Situation (in diesem Fall deine Show) genau vorzustellen. Geh deine Show in Gedanken ein paar Mal durch. Stell dir vor, wie du dastehst, was du sagst, wie das Publikum interessiert schaut oder über deine Witze lacht, welche Bilder du zeigst und so weiter.

c. Das entspannte Herumlaufen schließlich baut die Anspannung ab und befriedigt unseren natürlichen Fluchtinstinkt.

Aber das allerallerallerbeste Mittel gegen die Versagensangst ist: Sehr gut vorbereitet in die Show gehen. Dazu gehört es auch, dass der Einstieg in die Show auswendig gelernt ist und Wort für Wort wie geplant abläuft. Also:

d. Einstieg auswendig

Zu kleineren Macken wie etwa Lispeln oder einer außergewöhnlichen Stimmlage soll der Referent Ihrer Meinung nach unbedingt stehen. Warum ist das so wichtig?

Die meisten Stimmprobleme sind ganz harmlos und wirken für uns innen viel größer, als sie außen zu hören sind: nasale Stimme (wie Herr Graf im Film), knödelige Stimme (wie ein Frosch), verhauchte Stimme (erotisch), festgehaltener Unterkiefer, Lispeln, leichtes Stottern, Kieksen. Meistens fallen solche Probleme dem Publikum erst auf, wenn man sich darüber ärgert oder dafür um Entschuldigung bittet. Beides ist unnötig.

Ich hab schon viele tolle Stimmen gehört. Perfekt war keine. Manchmal sind es sogar die kleinen Sprachfehler, durch die eine Stimme interessant wirkt oder zum Markenzeichen mit hohem Wiedererkennungswert wird.

Können Sie ein Beispiel aus eigener Erfahrung dafür nennen?

Florence Foster Jenkins (um 1900 herum) gilt als schlechteste Opernsängerin aller Zeiten. Das Urteil der Kritiker: Kleiner Stimmumfang, kein Gefühl für Rhythmus und Intonation und ein sehr kurzer Atem. Trotzdem hat sich die Frau immer wieder auf Bühnen gestellt, hat gesungen und sich nicht von den Lachern im Publikum aus der Ruhe bringen lassen. Auf ihrem Grabstein steht: People may say I can’t sing, but no one can ever say I didn’t sing.

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