Poetry Slam

Literarische Scharmützel im Passauer Scharfrichterhaus – Poetry Slam am 19. Oktober 2011

 

Allles drängt, alles reckt die Hälse, wenn sich die Poeten Passaus im Scharfrichterhaus versammeln, um ihre neuesten Ideen und Werke zum Besten zu geben. Schon eine halbe Stunde nach Einlass ist das gemütliche Gewölbe dermaßen voll, dass das Lokal zwischen den Tischen mit Klappstühlen aufgestockt werden muss, damit auch der letzte Poesiehungrige seinen Platz vor der Bühne findet. Gespannt darauf, was nun folgt, versuchen viele in der Menge bereits die Künstler ausfindig zu machen und können sich doch nicht recht vorstellen, wer da später die Bühne betreten soll. Literatur zum Anfassen? Live-Poeten? Texte, Gedichte, Geschichten direkt aus dem Mund des Verfassers? Wer macht sowas?

Wer bei dem Begriff „Poet“ einen vergeistigten Intellektuellen mit Schal assoziiert, der sich in Wortneuschöpfungen und unrhythmisierten Gedichten ergeht, wird beim Poetry Slam eines Besseren belehrt. Der nette Herr da vorne, der ist sicher nur Zuschauer. Falsch gedacht, er wird später auf der Bühne stehen. Der Kommilitone dort interessiert sich also auch für Poesie? Ja, sogar so sehr, dass er selbst dichtet und heute mit dabei ist. Und der verschmitzte Kerl in der vorderen Reihe kann mit seinen Gedichten den ganzen Saal zum Lachen bringen.

Schon wird die erste Runde eingeläutet, aus der per Applaus-Barometer ein Sieger hervorgehen soll, der später gegen den Sieger der zweiten Runde mit neuen Texten antreten muss. Die Jury bilden die beiden Moderatorinnen, die auch durch den Abend führen. Die vier Auftritte, die nun folgen, sind eine bunte Mischung aus einerseits tiefsinniger, melancholischer Lyrik, andererseits geistreichen, witzigen Gedichten und Texten. Das Publikum nimmt sofort jede Stimmung auf und dementsprechend wechseln sich Ausgelassenheit mit Nachdenklichkeit und Spannung ab. Ernstere Stimmungen werden meist schnell wieder aufgelockert, und sei es nur durch die Tatsache, dass sich ein persischer Dichter ganz herzlich bei Goethe für dessen schöne Gedichte bedankt. Neben der Überlegung, ob ein Spekulatius wirklich ein harmloses Weihnachtsgebäck oder schon aufgrund seines zweideutigen Namens eher mit Vorsicht zu genießen ist, findet auch eine bildreiche, in Englisch verfasste Liebeserklärung an die Hummel Platz, die sich allein schon durch den wohlklingenden, weichen Namen „bumblebee“ ganz klar von den brutalen „wasps“ und „hornets“ ab. Ein opernsingender Sohn, der nur wegen der finanziellen Unterstützung seines Vaters so weit gekommen ist, schiebt seinen alternden Erzeuger mit einem kurzen „Papa, geh no’“ ins Altersheim ab, während sich die Tochter – das Pop-Sternchen, nach Italien auf eine „Bunga-Party“ verabschiedet. Leise Kritik am Werteverfall, in bayerischen, gewieften Versen verpackt: der tosende Applaus für den Poeten ist gerechtfertigt, der Sieger der ersten Runde steht fest.

In der kurzen Pause zwischen den Runden besteht die Möglichkeit, selbst dichterisch tätig zu werden. Bei der berühmten „Kleinod-Verlosung“ sind verschiedenste Gegenstände, unter anderem ein Fresspaket und eine Fliegenklatsche, als Preis für denjenigen ausgeschrieben, der die schönste Bewerbung dafür schreibt. Die eingereichten Schriftstücke werden verlesen und – wie könnte es anders sein – per Applaus-Barometer ein Sieger auserkoren. Am meisten begeistert eine neu getextete Version von „Oh Tannenbaum“,  kurzerhand in „Oh, Snack-Pack“ umfunktioniert, und dementsprechend auch (zum Leidwesen der Moderatorin) gesanglich vorgetragen werden muss.

In der zweiten Runde scheitert das revolutionäre Mitmach-Gedicht eines jungen Kandidaten an den eher lahmen „Freiheit“-Rufen des Publikums. Dafür finden die makabren Kurzgeschichten über drei alternative Wege einen MP3-Player zu benutzen, mehr Anklang: Ein fürsorglicher Onkel interpretiert das „MP“ als Maschinenpistole und bastelt seinem Neffen ein eher fragwürdiges Geburtstagsgeschenk und eine depressive Stechmücke erhängt sich am Kabel des Kopfhörers – die Kreativität und Phantasie der Autoren kennt keine Grenzen – auch nicht, wenn es darum geht, die Bänker und Politiker wohl formuliert und in einwandfreien Reimen rundzumachen. Die letzten beiden Kandidaten der Runde erzeugen mit ihren Vorträgen eine nachdenkliche Stimmung. Das Gedicht des Studenten über Hass und Selbsthass und die darin enthaltene offene Kritik am Publikum bilden neben den gerappten Lebensweisheiten des letzten Teilnehmers über Trauer und die Kluft zwischen Wunsch und Realität den wirklich ergreifenden Abschluss des Poetry Slam. Nach diesen beiden Auftritten ist das Gänsehautgefühl des Publikums schon fast greifbar: lauter Applaus für die letzten beiden Kandidaten, sodass sich die Jury schließlich dazu durchringt, beide ins Finale kommen zu lassen.

Am Ende brillieren noch einmal alle drei Finalisten: Der Rapper mit einem wirklich beeindruckenden Free-Style-Text, der Student mit einer originellen, zutreffenden Beschreibung der Atmosphäre in der Jura-Bib und die bayerische Frohnatur mit einem spritzigen Gedicht über den wählerischen Mann Charlie auf Frauensuche, während der alle Damen den „Checkpoint“ durchlaufen müssen. Der Bayer gewinnt, nicht zuletzt, wie es scheint, wegen einem Extrapluspunkt für seinen sehr sympathischen Dialekt.

Die Poeten (darunter nur eine Poetin!), der eine mehr, der andere weniger nervös, hatten den ganzen Abend die Sympathie und die Lacher des Publikums auf ihrer Seite. Die Zuschauer sind fair und befolgen die Regel „respect the poet“ gerne, denn schließlich gehört einiges dazu, sich auf die Bühne zu stellen und seine Werke einer so öffentlichen und direkten Kritik auszusetzen.

Ein gelungener Abend voller verschiedener Charaktere und verschiedener Geschichten, Gemütlichkeit und viel Spaß, an den man sich gerne und vor allem bildreich erinnert. Es lohnt sich auf jeden Fall, das nächste Mal dabeizusein, nicht zuletzt, weil man das unbestimmte Gefühl hat, etwas für seine Bildung getan zu haben. Nun heißt es also: Ab zum Kartenvorverkauf oder besser direkt auf die Bühne?!

 

Judith Kraus

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