“Vegan heißt Finden von Alternativen”

Ein Fest für Veganer und solche, die es werden wollen: Am Samstag fand auf dem Marienplatz in München die 16. Veganmania statt. Den ganzen Tag lang konnte man Reden zum Thema Tierschutz lauschen, pflanzliche Snacks verkosten und sich an den zahlreichen Ständen Informationen zur veganen Lebensweise holen.

Durch die Veranstaltung führte Sven Seebeck, der dort mit dem „Bündnis Tierrechte“ vertreten war. In seinen kurzweiligen Vorträgen machte er deutlich, dass nicht nur Fleisch ein Problem ist: Auch in der Milch- und Eierproduktion sehe es nicht so rosig aus, wie uns Fernsehspots oder bunte Bildchen auf den Verpackungen glauben machen wollen. So würden beispielsweise Kühe einmal im Jahr besamt, damit sie wieder trächtig werden und der Milchfluss angeregt wird. Die weiblichen Kälber werden dann selbst zu Milchkühen; die männlichen landen als Kalbsschnitzel auf unseren Tellern. Bei den Eiern sei es ähnlich: Die Hennen seien meistens nach ein bis zwei Jahren so ausgelaugt, dass sie nicht mehr genügend Eier legen; als Konsequenz werden sie geschlachtet. Wenn dann neue Küken schlüpfen, werden diese sofort nach ihrer Geburt in männlich und weiblich aufgeteilt, was sich „sexen“ nennt. Die weiblichen Küken werden selbst wieder zu Legehennen und die männlichen noch am selben Tag getötet – meist durch Vergasen oder Zerhäckseln. Warum die männlichen Küken nicht zum Masthähnchen taugen? Ganz einfach: Weil man dafür eigene Rassen hat, die mehr Fleisch ansetzen. Übrigens unterstützt man auch mit dem Kauf von Biomilch oder Bioeiern diese Praktiken.

Des Weiteren sprach er die Ressourcenverschwendung durch die Fleischproduktion an – um ein Kilogramm Fleisch zu produzieren, würden je nach Futtermittel und Tierart bis zu 20 Kilogramm Getreide verfüttert und etwa 50.000 Liter Wasser verbraucht. Zudem sei die Massentierhaltung, aus der 98 Prozent des Fleisches stammen, einer der schlimmsten CO2-Sünder, und der Mist der vielen Tiere belaste das Grundwasser enorm. Auch für die eigene Gesundheit sei eine vegane Ernährung vorteilhaft: So sei beispielsweise die Osteoporoserate in den Ländern, in denen viele Milchprodukte konsumiert werden, am höchsten. Auch müssten gentechnisch veränderte Pflanzen, beispielsweise Popcorn aus gentechnisch verändertem Mais, entsprechend deklariert werden – bei Produkten von Tieren, die gentechnisch verändertes Futter bekamen, sei dies nicht vorgeschrieben. Der Konsum von tierischen Produkten fördere außerdem Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Darmkrebs. „Wie kann so etwas, was nicht gut für Ihre Augen ist, gut für Ihren Magen sein?“ fragte Seebeck sein Publikum. Er forderte die Zuhörer dazu auf, sich auch einmal „die Opferrolle vorzustellen“ – ein Schlafplatz, Nahrung und der Schutz vor Feinden seien eben nicht mit einem artgerechten Leben in Freiheit zu vergleichen.
Insgesamt werde der Tierschutz in Deutschland bei weitem nicht so groß geschrieben, wie man vielleicht glaubt: So würden Tiere bis zu einem Alter von sechs Wochen sozusagen als gefühllos gelten, weshalb ihnen ohne Betäubung Schnäbel oder Hörner abgeschnitten werden dürfen.

vegane Kochshow
Die Kochshow auf der Veganmania.

Am Ende seines Vortrags stellte Seebeck klar, dass pflanzliche Produkte nicht unbedingt genau so wie tierische schmecken müssten – sie sollen einfach nur lecker sein: „Vegan heißt kein Verzicht, vegan heißt Finden von Alternativen.“ Damit man sich davon gleich überzeugen konnte, wurden auf der Bühne vegane „Spareribs“ und mit Sojaquark gefüllte Pfannkuchen zubereitet, an denen sich die Besucher gerne bedienten.

Interessante, aber auch schockierende Einblicke in die heutige Tierzucht lieferte Friedrich Mülln von der „SOKO Tierschutz“. Für seine Recherchearbeiten schleust er sich schon seit Jahren unter anderem in Hühner-, Kaninchen- und Nerzfarmen ein und hat kaum Gutes zu berichten: Die Tiere werden auf engstem Raum gehalten, viele seien krank oder verletzt. Insbesondere das Geschäft mit den Nerzen sei grausam. Die freiheitsliebenden Tiere werden vor allem in Polen wegen ihres Pelzes gezüchtet. Aus dem Fett der Kadaver wird Nerzöl gewonnen, welches beispielsweise Haarpflegeprodukten und Schuhcremes beigemischt wird. Möchte man dies nicht kaufen, sollte man darauf achten, dass unter den Inhaltsstoffen kein „Nerzöl“, „Mustelaöl“ oder „Mink Oil“ zu finden ist.
Im Zuge seiner Recherchen arbeitete Mülln unter anderem in Münster bei einem der größten Forschungsunternehmen der Welt als Pfleger für die Versuchstiere. Er berichtete von etwa 2000 Affen in Käfigen, die für sinnlose Versuche missbraucht wurden. Man kann sich kaum vorstellen, was dieser Mensch gesehen hat, als er erzählt: „Die Müllcontainer waren teilweise voll von Affenbabys und abgeschnittenen Gliedmaßen. Ein Forscher hat mir gegenüber zugegeben, dass die Versuche auch bei derselben Tierart oft ganz unterschiedlich ausgehen. Tierversuche sind sinnlos, gefährlich und rückschrittlich!“ Alleine in und um München gebe es 60 Einrichtungen, an denen Tierversuche durchgeführt werden – darunter das Klinikum. Doch auch Erfolge der Tierschutzarbeit zeigten sich: Erst kürzlich habe eine der etwa 100 Kaninchenfarmen in Deutschland wegen der wiederholten Aktionen der Tierrechtler schließen müssen. Mülln betonte, dass man als Konsument nicht auf politische Entscheidungen warten, sondern selbst seinen Lebensstil ändern solle: „Ihr als Verbraucher habt die Macht, alles zu verändern!“ Da jedes Medikament im Tierversuch getestet werden muss, gilt es, so wenig wie möglich davon zu verbrauchen, um die herstellenden Firmen nicht auch noch finanziell zu unterstützen.

Felix Hnat, Obmann der Veganen Gesellschaft Österreichs, stellte den Film “Der Prozess” vor. Er handelt von der Anklage mehrerer österreichischer Tierschutzaktivisten, denen vorgeworfen wurde, eine “kriminelle Vereinigung” gebildet zu haben. Hnat war selbst angeklagt, wurde freigesprochen und hatte am Ende 600.000 Euro Schulden, wie er sagt.
Für musikalische Unterhaltung zwischen den Vorträgen sorgte unter anderem die Kinderband „Jamielou“, die in ihrem Lied „99 Cent“ den traurigen Weg eines Schweins zum Billigschnitzel im Discounter beschreibt. An den Infoständen konnte man sich kostenlose Broschüren mitnehmen, süße Muffins oder würzige Tofunuggets probieren und die verschiedensten Sorten Pflanzenmilch verkosten – von Soja- über Reismilch (natur oder mit Vanille- oder Schokogeschmack) bis hin zu exotischeren Sorten wie Haselnuss- oder Mandelmilch war für fast jeden Geschmack etwas geboten.

Am Ende der Veranstaltung legt sich eine junge Aktivistin fast unbekleidet auf den Boden, lässt sich in Frischhaltefolie einpacken und mit roter Farbe übergießen, um darauf aufmerksam zu machen, welchen Weg jedes Stück Fleisch gehen muss, ehe man es verzehren kann. Ein kleiner Junge, vielleicht sechs Jahre alt, steht daneben und betrachtet die Szenerie, minutenlang. Da kommt sein Vater, will ihn wegziehen, der Junge wehrt sich, reißt sich los, doch letztendlich sitzt der Vater am längeren Hebel. Sie gehen weiter. Aber vielleicht, vielleicht hat es etwas in dem Jungen ausgelöst.

Von Judith Weigl