“Where’s the beef?” – Der ehemalige Bild-Chefredakteur plaudert aus dem Nähkästchen

Röbel

Am Mittwoch wurde es ernst. Nach mehr als sechs Monaten Vorbereitungszeit starteten die diesjährigen Medientage der Uni Passau unter dem Motto „Kampagnen“ ins offizielle Programm. Die Aula des Audimax füllte sich mit Studierenden, Dozenten, geladenen Gästen und anderen Interessierten. Im größten Hörsaal der Uni eröffneten Prof. Dr. Ralf Hohlfeld, der Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft, und Prof. Dr. Dirk Uffelmann, Vizepräsident für Lehre und Studium an der Uni Passau, mit einigen Worten die Veranstaltung. Sie übergaben das Wort an Udo Röbel, der den ersten und viel umworbenen Vortrag hielt.

„Bild, BamS und Glotze – Wunschdenken oder Wirklichkeit“, so der Titel der Keynote des ehemaligen Chefredakteurs der Bild-Zeitung. Sein Fokus lag, orientiert am allgemeinen Motto, dabei vor allem auf dem Thema Medienkampagnen. Laut Udo Röbel sind diese meist negativ besetzt und verbunden mit Manipulation, Hetzjagd und Verschwörung. Sie zielten auf Opfer und hätten meist skandalisierende Begleitumstände. Er zeichnet ein klares Bild von Medienkampagnen und scheut sich als Medienschaffender nicht, die negativen Aspekte aufzuzeigen.

„Ich habe noch nie jemanden gesehen, der gesagt hat, er profitiert von einer Medienkampagne.“

In seinem Vortrag  spart er auch die jüngsten und umstrittenen Medienereignisse nicht aus. So bezeichnet er die Berichterstattung um die Wulff-Affäre als Vernichtungsfeldzug. Warum aus dem Anruf des CSU-Sprechers Strepp so ein großes Thema gemacht wurde, versteht er wiederum nicht: „Welcher kleine Furz wird heute so schnell zu einem Sturm aufgeblasen“. Für ihn ist es ganz normal, dass die Politik auf die Medien Einfluss nehmen will.

„Wenn die Zeitung sich als vierte Gewalt versteht, muss sie auch das Ringen und Zerren aushalten können.“

Vor etwa 150 Zuschauern betrachtet der Ex-Bild Chef auch die unterschiedliche Sichtweise der Menschen auf die Bild-Zeitung und die Süddeutsche Zeitung, und geht damit auf die ewige Rivalität zwischen Qualitäts- und Boulevardjournalismus ein. Er kritisiert, dass eine enthüllende Berichterstattung in der SZ als investigativer Journalismus bezeichnet wird, eine ähnliche Vorgehensweise der Bild allerdings als Medienkampagne gelte.

Aktualitätsnah und unverblümt schildert Udo Röbel also mit dem Thema Medienkampagne eines, das nach wie vor Stoff für Diskussionen bietet, sehr umstritten ist und großen Einfluss auf Menschen oder Politik haben kann.

Auf spannende Hintergrundgeschichten aus dem Alltag eines ehemaligen Bild-Chefredakteurs warteten einige Zuhörer vergeblich. Ein wenig aus dem Nähkästchen, wie zu Beginn angekündigt, plaudert er dann aber doch noch. So erzählt er von einem Treffen mit dem neu gewählten Bundeskanzler Schröder im Jahr 1998. Bei einem Abendessen versuchte dieser, unmittelbar nach seiner Wahl, den Chefredakteur auf persönliche Art und Weise an sich zu binden, indem er ihm das Gefühl gab, wichtig zu sein. Er lädt ihn zu seiner Hochzeit ein und duzt ich schon beim ersten Gespräch. Ähnliches erlebte Udo Röbel auch mit Alt-Bundeskanzler Kohl, der ihm ein Portemonnaie mit Bundesadler und persönlichem Schriftzug schenkte, mit den Worten: „Lass dir da von deinem Chef immer schön Bimbes rein machen“. Beide Geschichten führt er als Beispiele an, um zu zeigen, in welchem Ausmaß Politiker versuchen, die Medien zu ihren Gunsten an sich zu binden.

Nicht nur für angehende Journalisten war die Keynote von Udo Röbel ein spannender Auftakt der Medientage. Besonders diese können sich aber seinen Schlussgedanken zu Gemüte führen. Denn für ihn stellt sich im Journalismus immer noch zuerst die Frage: „Where’s the beef – Wo ist die Geschichte?“ Die Story kommt immer noch an erster Stelle. Klar ist für Röbel auch:

„Medien können vieles, aber keine originären Trends setzen. Ihr Job ist es, Trends zu erkennen und die Welle zu reiten. Aber die Welle können Medien nicht schaffen.“

Foto: Julia Meier