Wenn eine Puppenküche zum Schmuggelgut wird

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der deutschen Besetzung von Böhmen und Mähren sollte die Tschechoslowakei neu aufgebaut werden. Die Beneš-Dekrete schufen eine rechtliche Grundlage für die Vertreibung, Enteignung und Entrechtung der deutschen und ungarischen Minderheit in der Tschechoslowakei. In den folgenden ein bis zwei Jahren wurden mehr als 3 Millionen Sudetendeutsche – auch Deutschböhmen oder Deutschmähren genannt – aus der Tschechoslowakei vertrieben. Die verlassenen Dörfer wurden vom tschechischen Militär zerstört oder für eigene Zwecke genutzt. Wir haben Anna Maria Babl getroffen, die als Kind das Dorf Haselbach (Lísková) verlassen musste und in Bayern ein neues Zuhause fand.

Können Sie uns erzählen, wie Sie das Dorf Haselbach verlassen haben?

Ich wohnte mit meiner Familie in Haselbach und dort gab es keine deutsche Schule mehr. Deswegen ist meine Mutter mit mir illegal über die grüne Grenze nach Höll (Bayern) gegangen, als ich sechs Jahre alt war.

Erzählen Sie uns von Ihrem Heimatort Haselbach.

Bei der Grenzziehung 1756 wurde Böhmen zur Österreich-ungarischen Donaumonarchie und meine Großeltern mussten während des Ersten Weltkriegs für den Österreichischen Kaiser kämpfen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Tschechoslowakei gegründet und die Haselbacher waren Bürger der Tschechoslowakei. 1938, nach dem Einmarsch der Deutschen ins Sudetenland, wurden wir wieder Deutsche bis 1945. Dann wurde die Grenze wieder so gezogen wie wir sie heute haben und Haselbach war Teil der Tschecho-slowakei. Die Deutschen wurden deshalb aus der Ortschaft vertrieben.

Sie haben einige Bilder von der Grenze mitgebracht. Wie haben Sie die Grenze damals erlebt und wie erleben Sie sie heute?

Wir waren nach der Vertreibung fast jedes Wochenende an der Grenze. Man konnte zwar nicht mehr rein, aber man konnte hinüberschauen und sah, wie die Häuser allmählich verfielen und Anfang der 50er Jahre der ganze Ort dem Erdboden gleichgemacht wurde, wie viele andere hundert Dörfer.

Damals gab es schon eine sehr große Traurigkeit, aber heute bin ich glücklich und finde es wunderbar, dass Bayern und Böhmen, also Deutschland und Tschechien, zusammenwachsen und die Grenze nicht mehr als unmöglicher Ort empfunden wird. Ich habe viele Bekannte und Freunde in Tschechien.

Haben Sie die Grenze damals als gefährlich empfunden?

Die erste Zeit war das Verhältnis an der Grenze schon gefährlich und gespannt, aber dann hat sich manches ergeben. Also ich habe es als Kind überhaupt nicht als gefährlich empfunden. Im Herbst 1946 bin ich noch unterm Schlagbaum an der Grenze durchgeschlupft und zur Großmutter nach Haselbach gegangen. Die wollte das Dorf absolut nicht verlassen.

Wie war es, in die ehemalige Heimat zurückzukehren?

Als ich das letzte Mal in Haselbach war, waren dort keine Dorfgeräusche mehr – kein Hundegebell und kein Hühnergegacker. Es war so ruhig.

Wenn es für die Menschen möglich war zurückzugehen, wurden auch Gegenstände oder Waren über die Grenze gebracht?

Als ich über die Grenze zu meiner Großmutter nach Haselbach gegangen bin, habe ich im Winter auf dem Schlitten meine Puppenküche nach Wald-münchen gebracht. Das war aber schon ein Sonderfall. Eine Nachbarin hat im Zollamt als Köchin gearbeitet und hat sich dafür eingesetzt, dass ich die Puppenküche behalten durfte. Ich habe sie noch heute, sie ist für mich etwas ganz besonderes. Die hat mein Vater selber geschnitzt und bemalt, eine Bauernstube.

Wurden in Ihrer Familie noch weitere Gegenstände geschmuggelt?

Schmuggeln ist für mich, wenn Waren von einem Land in ein anderes gebracht werden, um Geschäfte zu machen. Wie Salz oder Tabak. Aber was die Menschen von dem, was sie gehabt haben, über die Grenze bringen, ist für mich nicht Schmuggeln in dem Sinn. Die Menschen haben versucht, ihr Eigentum über die Grenze zu bringen, damit sie dort neu anfangen können. Man musste nur ein paar Hundert Meter den Wald durchqueren, dann war man schon in Bayern. 

Welche Hürden musste man nehmen, um die Grenze zu überqueren?

Um von Haselbach nach Höll zu kommen, musste man in Haselbach ziemlich weit auf einen Berg hinaufgehen und durch dichten Wald. Dann hat man diese Grenze überquert, im Wald waren ja keine spanischen Reiter und keine Bohlen oder Steine. Man musste schon diese Pascherwege kennen und dann wieder runter übern Berg, dann war man in Höll in Bayern. Gleich nach 1945 gab es noch keine Wachttürme – die Drahtverhaue, das kam alles erst später. Ich kann mich aber schon erinnern, dass nachts im Wald geschossen wurde, wenn man jemanden erwischt hatte. Es war äußerst gefährlich. Als Kind hab ich es nicht gewusst, weil meine Mutter es mir nicht erzählt hat.

Was haben die Leute mitgenommen?

Es wurde zum Beispiel Bettwäsche mitgenommen. Meine Mama hat auch Ölbilder, die der Vater in den 30er oder 40er Jahren gemalt hat,  in der Nacht durch den Wald über die Grenze gebracht und hat sie in Höll in einem Backofen deponiert, um sie vor den Enteignungen durch das tschechische Militär zu schützen. Meine Mutter hat auch böhmisches Porzellan mitgenommen, wir hatten Tassen mit meinen Vornamen Anna Maria, oder Erinnerungen an Haus oder Taus – so besondere Tassen, die habe ich auch heute noch in der Küche. Ein Schaukelpferd habe ich auch noch.

Also handelt es sich im Prinzip um einen Schmuggel von Erinnerungen?

Ja, überwiegend. Wir hatten drei oder vier Hausdurchsuchungen, bei denen alles registriert wurde. Es wurde notiert, dass wir mehrere Bilder an der Wand hängen haben und da hat meine Mutter dann die Ölbilder mit Kalenderbildern aus Papier ersetzt. Die Ölbilder hat sie raus-geschmuggelt, ja okay… (lacht).

Wir wollen uns gar nicht so sehr an dem Begriff schmuggeln festhalten, wenn Sie das anders nennen.

Paschen haben wir damals gesagt. Die Mama hat nicht gesagt, ich hab die Bilder geschmuggelt, sondern sie hat gesagt, ich hab Papas Bilder rausgepascht. Aber ich hab da als Kind nichts von mitbekommen, weil es ist heimlich in der Nacht geschehen und es durfte niemand davon wissen.

Das Interview ist im Rahmen des deutsch-tschechischen Praxisworkshops „Geschichten aus einem verschwundenen Dorf“ der Uni Passau und der Uni Budweis entstanden. Deutsche und tschechische Studierende haben mit Methoden des historischen Storytellings multimediale Geschichten entwickelt. Diese sind auf folgender Website zu sehen: www.grenzgeschichten.net

Beitragsbild von Markus Spiske via Unsplash