„Being lost can be the greatest gift sometimes” – Interview mit einer Weltreisenden

Mit einem One-Way-Ticket nach Bangkok begann für Ingrid Kölbl eine aufregende Reise. Neun Monate lang hat die Realschullehrerin aus Hauzenberg die Welt bereist und ist mit einem Rucksack voller Eindrücke nach Deutschland zurückgekommen. Wir haben die 48-Jährige nach ihren Erlebnissen gefragt.

Das Interview führten Magdalena Schäufl und Nicole Dirnberger.

Welche waren Ihre persönlichen Highlights auf dieser Reise und warum?

Highlights gab es auf dieser Reise viele. Wenn man mehrere Monate unterwegs ist, noch dazu auf verschiedenen Erdteilen, kommt man aus dem Staunen kaum heraus. In bester Erinnerung bleibt mir sicherlich die Tempelstadt in Bagan (Myanmar). Ein märchenhaft anmutender Blick auf ein riesiges Areal mit Pagoden und Stupas. In Chile war die Reise in die Atacama-Wüste genauso beeindruckend wie in Ecuador der Besuch der Galápagos-Inseln. Die Liste hier ist natürlich noch weit länger und auf ihr stehen auch Namen – Menschen, denen ich begegnen durfte und mit denen ich auch noch heute, zweieinhalb Jahre nach meiner Rückkehr, in regem Kontakt stehe.

2015 hat eine Begegnung Ihren Uralttraum einer Weltreise wieder in Ihnen entfacht. Wie kam es dazu?

Ich erhielt Anfang Januar 2015 eine Übernachtungsanfrage per Couchsurfing. Zwei Nächte wollte ein Pärchen bei
mir bleiben. Mit dem Fahrrad würden sie ankommen. Wohlgemerkt, es war Winter und als sie an besagtem Montagabend an der Tür läuteten, schwer bepackt und gut durchgefroren, war ich neugierig auf das, was sie zu
erzählen hatten. Nach heißer Dusche und beim gemütlichen Abendessen ging die Fragerei los. Die beiden waren für mich unglaubliche 10 Jahre mit ihrem Fahrrad in Asien unterwegs und jetzt eben mal auf der Rückreise nach
Frankreich, an der Donau entlang mit einem Stopp in Passau. Ich hatte die Welt sozusagen nun in meiner Küche.
Von da an kamen meine Gedanken nicht mehr zur Ruhe. Ich musste mir endlich auch meinen Traum erfüllen.

Was genau ist ein Sabbatjahr und warum haben Sie sich für diese Auszeit vom Alltag entschieden?

In meinem Beruf als Lehrerin gibt es die Möglichkeit nach einer Ansparphase ein Jahr Auszeit zu nehmen. Die
Modelle sind mittlerweile vielfältig. Ich habe mich dafür entschieden, ein Jahr Vollzeit bei halbem Gehalt zu
arbeiten. Die andere Hälfte würde ich damit auf Reisen zur Verfügung haben. Was die Entscheidung leichter
gemacht hat: Zu besagtem Zeitpunkt war ich bald ein Jahr von Rückenschmerzen geplagt. Das ging mittlerweile so weit, dass ich morgens zwei bis drei Stunden vor Verlassen der Wohnung aufstehen musste, um bis dahin mobil
genug zu sein. Das hinterließ seine Spuren. Die Aussicht auf ein Jahr „Freiheit“ nahm mir zum damaligen Zeitpunkt
die große Angst, die vehementen Schmerzen im Rücken würden mein Leben in Zukunft bestimmen.

Was haben Sie sich für Ihre Reise im Voraus vorgenommen und was konnten Sie davon umsetzen?

Als die offizielle Zusage seitens des Kultusministeriums für eine Auszeit im Schuljahr 2016/17 wenige Monate nach
Antragstellung kam, war klar: Ich wollte morgens wieder beschwerdefrei aufstehen können. Das ist mir nach
insgesamt drei Jahren Schmerzen Gott sei Dank auch gelungen. Am 1. August 2016 sollte es ursprünglich losgehen, doch war ich noch nicht fit genug, den Rucksack zu tragen. Es wurde November. Ich war etwa drei Monate unterwegs, als langsam das Vertrauen in den Rücken zurückkehrte. Meine ersten Laufkilometer absolvierte ich entlang des Meeres. Es war in Montevideo, der Hauptstadt Uruguays. Gefühlt das größte Wunder der gesamten Reise. Vorgenommen hatte ich mir zudem meine Spanischkenntnisse zu vertiefen und alles Erlebte aufzuschreiben. Ich wollte mich im Nachhinein an mehr erinnern können, als nur an Orte und an meine Reiseroute. 800 Seiten sind es geworden.

Sie erzählen immer wieder von „Dexter Moments“ auf Ihrer Reise. Was hat es damit auf sich? Konnten Sie diese
Momente in Ihrem Rucksack mit nach Deutschland nehmen?

Ich war im Herbst 2016 drei Wochen unterwegs, zunächst in Thailand, dann im Nachbarland Laos. In dem Ort Luang Prabang stieß ich auf ein Café namens Dexter. Nachdem mir die Schreiberei ja von Beginn an am Herzen lag, war ich immer wieder auf der Suche nach gemütlichen WLAN-Plätzen. Im Dexter-Café traf ich mich damals öfter mit einem Engländer zum Ratschen. Es reichte ein Let’s meet at Dexter’s und alleine der Name des Cafés rief bei mir Wohlgefühl hervor. Ich genoss die Atmosphäre, kannte das Personal mittlerweile etwas besser. Diese Vertrautheit erschuf ich mir von da an fast an jedem Ort, den ich bereiste. Dexter Moments bedeutet für mich so viel wie Abschalten und gedanklich auf Reisen gehen. Ich zelebriere diese Momente auch heute noch ganz bewusst. Meist dabei: mein Laptop. Denn die Lust am Schreiben ist zweieinhalb Jahre nach meiner Weltreise ungebrochen.

Immer wieder wurden Sie von Menschen aufgehalten, um mit Ihnen Englisch zu sprechen und beim Couchsurfing und bei Ihren Airbnb-Gastgebern erlebten Sie große Gastfreundschaft. Was kann man aus diesen Begegnungen lernen?

Eine gewisse Art der Vertrautheit, eine Art Heimatgefühl habe ich mir während der Reise bewusst stets aufgebaut. Das geht nur, wenn man sich auf die direkte Umgebung einlassen kann. Für mich sind die Menschen, die ich unterwegs habe kennenlernen dürfen, gefühlt zu Freunden geworden, wenn auch in vielen Fällen nur temporär. Und doch gibt es auch heute nach über zwei Jahren noch sehr enge Verbindungen, allen voran zu Paula aus Santiago de Chile, eine Mitvierzigerin, bei der ich mehrere Wochen mein eigenes kleines Zimmer hatte. Ich habe festgestellt, dass wir uns in vielen Dingen ähnlicher sind, als der erste Blick vermuten lässt: Wir streben nach
Erfüllung, wir wollen spüren, dass wir etwas bedeuten – und damit meine ich nicht zwangsläufig, dass wir eine
Berühmtheit werden wollen. In unserer direkten Umgebung suchen wir nach unserem Platz. Geschichten von Liebe und Eifersucht erzählt man sich ebenso weltweit, wie Anekdoten von früher, Anekdoten davon, dass das Leben einst besser gewesen sei. Es ändern sich nur die Schauplätze. Und darin liegt auch die große Chance: Wenn wir unseren Gegenüber als jemanden sehen lernen, der genauso wie wir Ängste und Sorgen durchlebt, der genauso von Glücksmomenten zehren kann, muss es uns eigentlich schwer fallen, diesen Menschen dauerhaft
auszugrenzen. Die Begegnung mit dem Anderssein lehrt einen schnell, dass das Zusammenleben nur über
Verbindung wirklich funktionieren kann. Das ist vermutlich die große Herausforderung, der wir uns im Alltag immer wieder stellen müssen. Was die Unterschiede anbelangt, so sind es mehr die äußeren Strukturen, die einen
augenscheinlich so anders erscheinen lassen. Doch im Grunde unseres Herzens wollen wir alle dasselbe: Bedeutung für das eigene Leben finden und spüren.

Inwieweit haben sich diese Begegnungen und Erfahrungen auf Ihr Leben ausgewirkt oder es sogar verändert? Für welche Begegnungen sind Sie besonders dankbar und warum?

Ich denke, jeder steckt in seinem Leben immer wieder mal fest, ist unzufrieden, ist gestresst und genervt. Mir hilft
es, in solchen Momenten einen Gang zurückzuschalten. Ich hole dann gerne meine Aufzeichnungen hervor, lese
darin nach, welche Gedanken mir während der Reise oft durch den Kopf gegangen sind. Auch wenn es mir nicht
immer gelingt, so beruhigt mich mittlerweile, dass man mit etwas Abstand von der aktuellen Situation verzwickte
Dinge mit mehr Gelassenheit betrachten kann.

Wie war die Konfrontation mit Armut, Alkohol und Drogen für Sie? Wo war dies am Schlimmsten?

Armut begleitet einen als Reisenden in Asien quasi ständig, und damit auch nach einiger Zeit eine Art schlechtes
Gewissen. Besonders hat mich dieses Thema in Asien beschäftigt. Die Blicke so mancher Kinder mögen zwar
zunächst „lieblich“ sein. Gerne trösten wir uns mit Sätzen wie „Die Menschen sind zwar arm, doch wirken sie oft
glücklicher als wir.“ Ich stimme einer Reisenden zu, mit der ich neulich ins Gespräch gekommen bin: Ich möchte
letztlich doch nicht mit ihrem Leben tauschen. Was Alkoholismus anbelangt, so denke ich immer wieder zurück an
die Szenen in Buenos Aires. Obdachlosigkeit. Alkohol und Drogen als Trostspender. Mehrere Jahre zuvor war ich
bereits in der argentinischen Hauptstadt. Doch dieses Mal erschien es mir, als sei die Situation für viele noch
dramatischer geworden.

Was waren die größten Herausforderungen auf Ihrer Reise?

Die Ruhe bewahren. Manchmal laufen die Dinge nicht so, wie man es sich ausmalt. Dann heißt es, umgehen lernen
mit der neuen Situation und das Beste daraus machen. Spannenderweise entstehen gerade aus „verpassten“
Chancen neue Geschichten. Und nicht selten solche, an die man sich ohnehin länger erinnert als an alles
Planmäßige.

Was würden Sie bei Ihrer nächsten Reise in Bezug auf die Organisation anders machen?

Letztlich würde ich wieder ohne viel Planen losreisen. Ohne Reiseführer. So bleibt man unvoreingenommen. Jedoch würde ich wohl öfter einen Blick auf topografische Karte werfen, um herauszufinden, was die Natur um mich herum zu bieten hat. Ich war oft überrascht von dem, was und auch wen ich außerhalb vom Ortskern, vom
Stadtkern kennengelernt habe, wenn ich zwischendurch mit dem Fahrrad unterwegs war.

Was waren die fünf wichtigsten Gegenstände in Ihrem Rucksack?

Mein Tablet oder Handy für das Schreiben und zur Kommunikation. Ladegeräte. Meine warme Jacke, sie kann so
manche Klimaanlage im Bus vergessen machen. Ein kleines Büchlein zur Kostenkontrolle, für die wichtigsten
Telefonnummern, Notizen für Reiseideen oder Ideen für die Zeit nach der Reise. Außerdem verschließbare,
wasserabweisende Vakuumbeutel für die Kleidung: platzsparend.

Welche fünf Adjektive beschreiben Ihre Reise am besten?

Intensiv – lebensverändernd – spannend – zuweilen durchaus nervig und ermüdend.

Ihr Bekannter Htut aus Neuseeland hat Ihnen folgendes Zitat mit auf den Weg gegeben: „Being lost can be the
greatest gift sometimes”. Was bedeutet es für Sie?

Vor Antritt meiner Reise war ich aufgrund der Rückenschmerzen und allem, was damit in Zusammenhang stand,
sagen wir verloren, wusste nicht so recht, wie ich aus dem Ganzen jemals wieder herauskommen sollte. Im
Nachhinein betrachtet war genau dieser Zustand mein größtes Glück: Ich bin sozusagen in Bewegung gekommen.
Heute fällt es mir leichter, Situationen, mit denen ich nicht klarkomme, zunächst zu akzeptieren. Will zum einen
heißen, Situationen, die ich nicht ändern kann, hinzunehmen. Zum anderen hat mir die Reise gezeigt, dass man
seinem Leben sehr wohl eine neue Richtung geben kann.

Was möchten Sie unseren Lesern noch mitgeben?

Auf Reisen hat man immer wieder mal das Gefühl, nicht genügend aus seiner Zeit gemacht zu haben. Spätestens
beim Blick in einen Reiseführer. Eines Tages, ich war gerade zu Fuß unterwegs in Santiago de Chile, hörte ich einen Podcast einer amerikanischen Reisebuch-Verlegerin. Sie erzählte davon, dass andere sie nach Reisen immer fragten, ob sie denn auch die berühmte Statue XY gesehen hätte, die angesagte Top-Location besucht hätte. Ihre Antwort kurz und knapp: No I didn’t – but I did it my way. Frank Sinatras Textzeile hat mich seither bestätigt, es gibt kein MUSS in dieser Hinsicht. Und damit komme ich automatisch zu einem der wichtigsten Punkte überhaupt: Die Schreiberei. Ich bin dankbar, so viel mitgeschrieben zu haben. Es geht in meinen Aufzeichnungen weniger um die Orte an sich, als vielmehr um meine Gedankenwelt. Es geht darum, was mich bewegt hat, mich motiviert hat. Natürlich auch um Dinge, die mich genervt haben. Letztlich schenkt einem das Reisen die Möglichkeit, sich und seine Gedanken besser verstehen zu lernen. Und manchmal braucht man diese eben schwarz auf weiß! Erst dann sind sie sozusagen zu Ende gedacht. In diesem Sinne und vielleicht auch mit der einen oder anderen Anregung wünsche ich jedem da „draußen“ eine spannende Zeit mit sich selbst und unter Menschen. Auf dass sich neue Türen öffnen.

Fotos: Ingrid Kölbl.