Arrangierte Liebe: Verlobung auf den ersten Blick

Von Farwahar Azizpour.

„Warum kann’s nicht perfekt sein? So wie in einem Liebeslied.“ Diese Frage, die viele von uns tagtäglich beschäftigt, haben sich auch schon die Ärzte in ihrem Song „Perfekt“ gestellt. Wenn es um One-Night-Stands, Beziehungen oder die ganz große Liebe geht, dann läuft es nämlich selten perfekt. Aber warum? Was ist das Geheimnis einer langen (und vor allem glücklichen) Beziehung? Sind manche Menschen einfach füreinander geschaffen?

Diese Fragen habe ich niemand geringerem als meinen Eltern gestellt. Liebesgeschichte à la 1001-Nacht oder Tinder-Traumbegegnung gabs bei den beiden nicht. Und doch – Jetzt, etwa 25 Jahre später, sitzen sie mir mal mehr, mal weniger glücklich verheiratet gegenüber. Meine Familie kommt aus Afghanistan, einem der ärmsten Länder der Welt. Seit Jahrzehnten herrscht dort Krieg und Armut. Dementsprechend suchen viele Menschen Halt in ihrer Religion oder (aus Sicht der westlichen Welt) altmodischen Traditionen. Eine davon ist die der arrangierten Ehe. Kurz zur Aufklärung: Eine arrangierte Ehe ist keine Zwangsehe, obwohl es diese auch nicht selten in Afghanistan gibt. Bei der arrangierten Ehe gibt es für beide Paare die Option den (meist) von ihren Familienmitgliedern vorgeschlagenen Partner auch nicht zu heiraten. Als meiner Mutter mit 19 Jahren mein Vater als potentieller Ehemann vorgeschlagen wurde, willigte sie ohne zu Zögern ein. Für mich und meinen Bruder, die beide hier in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, ein unvorstellbarer Gedanke. Und doch Alltag in mehr Teilen der Welt, als man vielleicht vermutet.

Aber kann eine arrangierte Ehe überhaupt funktionieren? Sollten wir uns vielleicht alle in Zukunft von unseren Eltern matchen lassen? Wenn es nach meinen Eltern geht, dann liegt die Antwort auf der Hand…

Was war euer erster Eindruck voneinander?

Stille. Papa: Ich habe als Erstes gedacht, dass sie sehr schlau wirkt.
Mama: Lüg nicht. Ich dachte das erste Mal als ich dich gesehen hab, dass du sehr alt bist. (Papa lacht.)
Mama: Ich bin nur ehrlich. Und ich fand, dass er nicht schön angezogen war.

War es Liebe auf den ersten Blick?

Beide: Nein, auf keinen Fall.

Wurdet ihr gezwungen einander zu heiraten?

Beide: Nein.
Papa: Nachdem ich deine Mutter gesehen habe, habe ich erst einmal meine Familie zu ihrer Familie geschickt (in Afghanistan waren sie Nachbarn, also kein weiter Weg) und sie haben für mich um sie „geworben“. Nach einigen Besuchen hat dann die Familie deiner Mutter der Ehe zugestimmt.

Wie hast du ihre Familie von der Idee überzeugt?

Papa: Musste ich nicht.
Mama: Doch musstest du. Du hast doch mit meiner Mama geredet.
Papa: Ach stimmt ja. Sie wollte wissen, wer die Kosten übernimmt.
Mama: Und sie wollte herausfinden, ob er mich heiraten wollte oder ob seine Familie wollte, dass er mich heiratet. Also hat meine Mutter sich mit ihm alleine getroffen und ihn „interviewt“.
Papa: Sie wollte einfach wissen, ob ich selbstständig genug war, um zu heiraten. Sie wollte wissen, wer der Chef bei uns ist. Da hab ich ihr gesagt, dass ich mein eigener Chef bin. Und das bin ich bis heute.
Mama: Als ob. Ich bin dein Chef.

Wie ist es dazu gekommen, dass du sie gefunden hast?

Papa: Damals war ich schon nach Deutschland gekommen. Als mein Vater sehr krank wurde, bin ich ihn besuchen gekommen und für mich war es einfach schon Zeit zu heiraten. Deine Mutter war unsere Nachbarin und ich habe von vielen Leuten gehört, dass sie sehr schlau und fleißig ist und Lehrerin werden will. Dann habe ich sie eines Tages Mal bei uns zuhause gesehen und hab mich daraufhin gleich entschieden sie zu heiraten.

Wann habt ihr euch das erste Mal getroffen?

Papa: Vor unserer Feier hatten wir eine kleine Zeremonie, bei der die Familien verkündet haben, dass wir heiraten werden. Dort haben wir uns offiziell zum ersten Mal gesehen.

Als schon klar war, dass ihr heiraten werdet?

Mama: Ja, bei uns werden Süßigkeiten gereicht, um das Eheversprechen vor der Verlobung zu besiegeln. 20 Tage danach haben wir uns verlobt. Aber selbst da ist er nur zu uns nach Hause gekommen und ich wollte ihn nicht sehen. Kurz nach der Feier sind wir Kleider für die Verlobung kaufen gegangen. Da haben wir uns zum ersten Mal getroffen. Meine Mutter hat ihn zu mir gebracht, da hat er sich dann mir persönlich zum ersten Mal vorgestellt. Dann hat meine Mutter uns ein paar Minuten alleine gelassen (für afghanische Verhältnisse sehr liberal) und als sie wiederkam hat sie uns gefragt: „Na, habt ihr immer noch Angst voreinander?“

Warum wolltest du ihn anfangs nicht sehen?

Mama: Ich fand das macht sowieso keinen Sinn. Außerdem war es für mich nicht so wichtig, ihn vorher zu sehen. Ich dachte mir, meine Eltern haben sich schon was dabei gedacht, ihn auszusuchen. Ich habe nur nach seinem Alter gefragt und mir war wichtig, ob er raucht oder nicht.

Glaubt ihr an Liebe auf den ersten Blick?

Papa: Also ich glaube es ist schon möglich.
Mama: Ich auch.
Papa: Aber es ist besser, wenn man sich erst einmal kennenlernt und sich etwas Zeit lässt. Meistens kann man
jemanden auf den ersten Blick nicht gut genug einschätzen um zu sagen ob er zu einem selbst passt. Ich glaube, Liebe ist, wenn man 20 Jahre lang unter einem Dach leben kann, ohne sich gegenseitig umzubringen.

Glaubt ihr an Seelenverwandtschaft?

Mama: Also ich schon. Hundertprozentig.
Papa: Ich glaube es gibt immer Menschen, die besser oder schlechter zu einem passen. Niemand ist perfekt. Deshalb passt auch niemand perfekt zu einem anderen. Ich denke diese Einstellung zu haben, dass jemand
perfekt zu einem passt ist schon falsch. Es gibt nichts Absolutes. Außerdem verändert sich jeder Menschen über die Zeit und man kann niemanden finden, der sich genau gleich zu dir entwickelt.

Ihr seid jetzt seit 25 Jahren verheiratet. Was würdet ihr sagen ist das Geheimnis einer guten Beziehung?

Mama: Dass man sich gut versteht. Dass man über alles reden kann und dass man sich nicht alleine lässt. Eine Beziehung kann nur dann funktionieren, wenn man immer miteinander redet. Je stiller man miteinander wird, desto weniger wird es funktionieren.
Papa: Für mich ist Respekt am Wichtigsten. Egal wie viel man miteinander redet, wenn man keinen Respekt voreinander hat, kann keine Beziehung funktionieren. Viele aus unserem Land beleidigen ihre Frauen oder sehen sie als nicht so viel wert an wie sich selbst. Auf so einer Grundlage kann jede Beziehung nur scheitern, egal wie gut alles andere funktioniert. Dann ist die Arbeitsaufteilung sehr wichtig. Jeder sollte so viel machen, wie er kann und was er am besten kann und das jeweils an seinem Partner zu schätzen wissen.

Ist es wichtig für euch, selbstbestimmt zu sein?

Mama: Ja, wir waren beide immer so. Ich habe immer das gemacht, was ich wollte. Ich habe immer meine eigenen Entscheidungen getroffen. Das ist auch sehr wichtig. Wenn man sich etwas wünscht, sollte man nicht zu viel darüber nachdenken, was der Partner darüber denkt. Man sollte nicht bei jeder Entscheidung, die man trifft, den Partner fragen müssen.
Papa: Ich denke, man muss auch für sich selbst sein können. Vor allem sollten sie nicht voneinander abhängig sein. Jeder sollte seine eigene Freiheit haben. Ohne Freiheit und Unabhängigkeit kann man in einer Beziehung nicht glücklich werden.
Mama: In Afghanistan ist es schwierig, unabhängig zu leben. Die Frauen brauchen für alles die Erlaubnis der Männer und werden dann automatisch nicht als „gleichwertig“ gesehen. Deshalb kommt es in Beziehungen häufig zu diesem Machtgefälle, in dem die Frauen abhängig sind. Wenn man von einer anderen Person abhängig ist, kann man sich nur schwer weiterentwickeln.

Findet ihr, ihr führt eine moderne oder eine traditionelle Ehe?

Papa: Ich denke wir haben aus beiden Konzepten Aspekte in unserer Ehe. Jedes Paar muss für sich schauen, was am besten passt. Man sollte nicht von vornherein sagen „Nein, das ist zu altmodisch, das kann ich nicht machen“. Mama: Wir bemühen uns schon, offen zu sein aber ich denke, dass wir im Grunde eine eher traditionelle Beziehung führen. Einfach aufgrund der Art und Weise wo und wie wir aufgewachsen sind.

Wann seid ihr nach Deutschland gekommen?

Papa: Ungefähr 1989. Mama: 1995.

Musstet ihr euch hier erst einmal an das „westliche“ Konzept der Ehe gewöhnen?
Zum Beispiel an das Zusammenleben vor der Ehe?

Mama: Also ich muss ehrlich sagen, das Konzept des Zusammenlebens vor der Ehe war sehr komisch für mich. Ich bin mit 19 Jahren hierher gekommen und so etwas hatte ich vorher in meinem Leben noch nie gesehen. In Afghanistan ist es sehr wichtig, dass man erst nach der Ehe zusammenlebt. Später aber habe ich mich daran gewöhnt. Das war für mich wie Homosexualität. Das wird auch nicht offen in Afghanistan ausgelebt oder
überhaupt besprochen, deshalb musste ich mich erstmal daran gewöhnen. Selbst die Filme in Afghanistan waren größtenteils indische Filme, in denen immer nur ein ähnliches Konzept von Liebe und Heiraten gezeigt wurde wie unser eigenes.
Papa: Bevor ich nach Deutschland kam, habe ich viel gelesen. Mich haben vor allem deutsche Dichter
interessiert. Deshalb war es nicht so etwas Neues für mich zu sehen, wie frei die Menschen hier mit Beziehungen umgehen. Meiner Meinung nach ist es nicht so gut, wenn man zu viele verschiedene Partner hat, weil man dann vielleicht nicht mehr offen ist, sich auf die richtige Person einzulassen, wenn man sie findet. Weil man vielleicht vorher schon häufig verletzt wurde – Aber im Endeffekt muss das jeder für sich selber entscheiden.

Wollt ihr die Partner eurer Kinder aussuchen?

Beide: Nein!
Mama: Wir haben in einer ganz anderen Welt gelebt. Heutzutage ist es auch in Afghanistan viel lockerer geworden. Wir sind im Krieg aufgewachsen, meine Eltern haben nur versucht, mich irgendwo in Sicherheit zu bringen.

Denkt ihr, man könnte es heutzutage noch so machen?

Mama: Wenn jemand sagt, dass er in dich oder in deinen Bruder verliebt ist, dann würde ich euch das schon erzählen. Ihr dürftet die Person auch kennenlernen, wenn ihr wollt. Aber ich würde keinen von euch dazu zwingen, jemanden zu heiraten. Ich denke nicht, dass es unmöglich ist, dass ihr euch so verlieben könntet. Ich denke da gibt es keinen Unterschied zum Kennenlernen in einer Kneipe. Im Endeffekt ist es nicht wichtig, wie oder wo man sich kennenlernt.
Papa: Ich denke wir haben unsere Kinder soweit gut genug erzogen, dass sie selber wissen, wie sie einen passenden Partner aussuchen müssen. Ihr müsst selber jemanden finden, der euch glücklich macht. Ich sage immer: Mit einer guten Erziehung geht man nie falsch!

Können Eltern allgemein passende Partner aussuchen?

Mama: Man kann nur einen Vorschlag machen.
Papa: Nein, denke ich nicht.

Was schätzt ihr aneinander am meisten?

Mama: Ich sag nur was, wenn er was sagt.
Papa: Sie ist sehr fleißig und handwerklich begabt.
Mama: Er hat mehr Geduld als ich.

Denkt ihr, ihr seid verliebt?

Papa: Naja…
Mama: Keine Ahnung. Also eigentlich nein. Ich denke wir sind füreinander bestimmt, wortwörtlich, das kann man nicht Verliebtsein nennen. Man sagt ja, wir können nicht mit und nicht ohne einander. Ich glaube, dass wir wie zwei Hälften eines Ganzen sind (afghanisches Sprichwort). Verliebt ist man nur, wenn man etwas nicht hundertprozentig hat oder haben kann. Sobald man etwas bekommt, hört das Verliebtsein ganz schnell
wieder auf. Ich bin zum Beispiel gerade in einen BMW X6 verliebt…

Was wünscht ihr euch für eure Kinder? Sollen sie so heiraten wie ihr?

Mama: Ich will bloß nicht, dass jeder von euch 15 oder 16 Leute nach Hause bringt und bei jedem denkt, das ist die oder der Eine.
Papa: Das Problem heutzutage ist eher, dass eure Generation denkt, dass es jemanden gibt, der in allen Lebenslagen immer für euch da sein wird. Ihr glaubt, dass es jemanden gibt, der immer perfekt zu euch passt und alles richtig macht. Dabei ist das unmöglich. Man muss sich wichtige Eigenschaften festlegen, nach denen man in einer Person sucht. Heute ist man verliebt und morgen nicht mehr. Es ist einfach, jeden Tag jemand Neuen zu suchen. Aber sich jeden Tag für dieselbe Person zu entscheiden, dafür braucht man Mut und Stärke.

Ok, jetzt schaut bitte einander an, sagt, dass ihr euch liebt und versprecht, euch mindestens bis zur Veröffentlichung dieses Interviews nicht scheiden zu lassen.

Beide lachen und küssen sich.

Fotos: privat.