Von Kiew bis Wolhynien: Deutsche Spuren in der Ukraine

Der deutsche Berg und die deutsche Straße in Kiew, das deutsche Haus in Tscherniwzi. Neben diesen für sich sprechenden Namen gibt es viele andere Spuren der deutschen Kultur im ukrainischen Kulturerbe. Vielerorts verteilt sind sie manchmal gar nicht so einfach zu entdecken. In diesem Artikel soll diesen Spuren nachgegangen werden, um eine Seite der ukrainischen Geschichte aufzuzeigen, die vielen noch unbekannt sein dürfte.

Bei einem Stadtspaziergang durch Kiew kommt man nicht umhin, die eindrucksvolle Sophienkathedrale mit ihren vielen grün-goldenen Türmen und Kuppeln zu bewundern. Der Glockenturm ist ein wesentliches Element des UNESCO Weltkulturerbes, er wurde in den Jahren 1744-1748 unter Leitung des deutschen Architekten Gottfried Johann Schädel gebaut. Der Deutsche entwarf ebenfalls den großen Glockenturm des Höhlenklosters in Kiew, der auch heute noch zu einem der höchsten Glockentürme der orthodoxen Kirchen weltweit gehört.

Die deutsche Kultur hat das Stadtbild der Ukrainischen Großstädte nachhaltig geprägt und ist nach wie vor in Häuserfassaden und prächtigen Bauwerken im öffentlichen Raum zu erkennen, wie in Palästen oder Kirchen. Viele der bekanntesten Architekturmonumente, die weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind, beinhalten Elemente der deutschen Architektur. Auch die Nationale Oper der Ukraine ist das Projekt eines Deutschen, der Baumeister Viktor Schröter hatte sich mit seinem Entwurf im Stil der Neorenaissance bei dem international ausgeschriebenen Architekturwettbewerb durchgesetzt. Das Gebäude wurde im Jahr 1901 fertiggestellt. Schröters Name und allgemeine Informationen zum Bau sind unter dem Sims auf der ersten Etage zu finden.

Doch wie kamen die deutschen Siedler überhaupt in die Ukraine? Die Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland im Jahre 1861 und der polnische Aufstand von 1863 waren primär verantwortlich für die Migration der zumeist bäuerlichen Kolonisten nach Wolhynien. Der fruchtbare Boden und die Möglichkeit die eigene Religion und Sprache zu behalten, stellten für die damaligen Siedler einen enormen Anreiz dar. Schwierigkeiten für die deutschen Umsiedler begannen mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges. Ihnen wurde verboten Land zu erwerben und es fand eine zunehmende Diskriminierung der deutschen Sprache statt.

Die Entwicklung der deutschfeindlichen Stimmungen hatte die Situation wesentlich verschlimmert. Der Großteil der Deutschen wurde mit dem Anfang des Krieges zwangsweise umgesiedelt: Zwischen dem 5. und 15. Juli 1915 mussten die in Wolhynien lebenden Deutschen das Land verlassen. Als sie im Jahr 1918 zurückkehren durften, waren die meisten ihrer Bauernhöfe verwahrlost, sodass sie sich ihr Leben erneut aufbauen mussten. Im Verlauf der Sowjetzeit wurde es den deutschen Siedlern zunehmend schwerer gemacht. Sie waren primär in der Landwirtschaft und auch auf eigenen Bauernhöfen tätig, mussten jedoch den Großteil ihres Besitzes und ihrer Einkünfte an den Staat abtreten.

Vor Beginn des Zweiten Weltkrieges lebten 880.000 Deutsche in der Ukraine. Mit Anfang des Krieges im Jahr 1941 wurden viele Kolonisten, die in einer bestimmten Entfernung zur Grenze lebten, verdächtigt, deutsche Spione zu sein und wurden daraufhin nach Russland umgesiedelt. Tausende Siedler haben die anstrengende Reise nicht überstanden und fielen Kälte, Hunger und Krankheit zum Opfer. Für die Überlebenden, die ihr Ziel erreicht hatten, begann eine weitere Zeit der Entbehrungen. Ein Drittel der Umgesiedelten verstarb in den kommenden Jahren. Viele verhungerten, erfroren oder erlagen den schweren Frondiensten in der sogenannten “Arbeitsarmee“, unzählige Siedler verschwanden in sowjetischen Gefängnissen.

Die Sowjetzeit und der Eiserne Vorhang, der bis zum Jahr 1989 existierte, haben einen Mantel des Schweigens über die Deutschen Siedler aus Wolhynien gelegt, ihre Geschichte und ihre Schicksale gerieten zunehmend in Vergessenheit. Aktuell liefern hauptsächlich verstaubte Akten im ukrainischen Staatsarchiv in Schytomyr und die zahlreichen verwitterten Grabsteine, an nun verlassenen und von der Welt vergessenen Orten, Zeugnis darüber, dass hier einst Deutsche lebten.

Dennoch ist es für beide Länder wichtig, dass diese Spuren und die gemeinsame Geschichte weiterhin präsent sind – als Erinnerung und Lektion für folgende Generationen. Die deutsch-ukrainischen Beziehungen befinden sich momentan wieder in einer Entwicklungsphase, wobei der Austausch zurzeit primär von der Ukraine ausgeht.

Dieses historische Beispiel zeigt, dass Zusammenarbeit und Verständnis der beiden Länder, Völker und Kulturen durchaus möglich ist. Es zeigt aber auch wie Verständnislosigkeit, Angst und aggressiver Nationalismus das Vertrauen in die Verbindung zerstören können. Erinnerungen an die gemeinsame Vergangenheit können mit der Zeit die öffentliche Wahrnehmung verändern und aufzeigen, dass beide Gesellschaften von einem weltoffenen, toleranten und innovativen Umgang miteinander profitieren können.

Beitragsbild: privat.