2 Monate, 9 Lektionen. Meine Arbeit in einem sozialen Projekt in Kenia

Was genau bedeutet die Arbeit in einem sozialen Projekt? Ich habe es ausprobiert und bin im Sommer 2019 für zwei Monate nach Kenia gegangen, um die Organisation Zinduka e.V. mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Der gemeinnützige Verein, der im Jahr 2016 gegründet wurde, setzt sich dafür ein, dass alle Kinder Zugang zu Bildung erhalten, leistet außerdem Sexualaufklärung an Schulen und kämpft gegen die Genitalverstümmelung an Frauen und Mädchen. Was ich dort alles gesehen und erlebt habe, ist wirklich unfassbar! Es war eine sehr lehrreiche Zeit. Meine persönlichen Erkenntnisse habe ich daher in 9 Lektionen zusammengefasst. Lasst euch von mir mitnehmen auf die Reise, um das Land Kenia und das soziale Projekt Zinduka e.V. kennenzulernen.

Von Christina Walther.

23. August 2019, am Flughafen in Nairobi. Das Abenteuer beginnt. Zunächst einmal heißt es für mich: Überleben! Nicht überfahren lassen, lautet die Devise. Was für ein riesiges Kuddelmuddel! Jeder macht was er will, keiner macht, was er soll. Aber alle machen mit. Mein erster Eindruck zum Thema Straßenverkehrsordnung in Kenia. Lektion #1: Wenn du an einem neuen Ort bist, Obacht! Aber das macht gar nichts, ich bin völlig überwältigt von der Berauschung meiner Sinne: Alle gehen ihrer Wege, wenngleich für mich erst einmal überhaupt nichts irgendeiner Regelmäßigkeit zu folgen scheint. Lektion #2: Nur, weil du nicht sofort ein Muster erkennen kannst, heißt das nicht, dass es keines gibt! Tausend Gerüche aus den Garküchen am Straßenrand, das ganze Benzin in der Luft, diverse Textilien, die ringsherum angeboten werden, die vielen Autos und der ganze Staub und der Lärm und abertausende von Menschen, die alle wahnsinnig beschäftigt sind. 

Nun verbringe ich erst einmal drei Tage in Nairobi mit Antonia, einer sehr guten Freundin von mir und nebenbei erwähnt auch die Gründerin und amtierende CEO von Zinduka e.V. Nach jahrelangem Hin und Her zwischen Deutschland und Kenia, Studium und Projekt, hat sie jetzt die Zelte in ihrer Heimatstadt Marburg abgebrochen und studiert nun also „Community Development“ in Nairobi. In ihrer Freizeit kümmert sie sich um ihren Verein. Und glaubt mir, das ist keine kleine Verantwortung! Alles in allem also eine wahre Powerfrau, diese Antonia. Lektion #3: Alles ist möglich! Wenn du deinen Traum erfüllen willst, musst du manchmal Opfer bringen!

Nach drei Tagen Nairobi und langsamem Herantasten an diese für mich so andersartige Kultur und auch Mentalität steigen wir in den Bus nach Kehancha, beim Stamm der Kuria, ganz im Westen Kenias. Dort befindet sich das Headquarter von Zinduka e.V. So tuckern wir also vor uns hin, im Radio läuft ein Mix aus Kirchenmusik und Dschungeltrommeln, ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr raus und könnte bei jedem Zebra, das ich sichte, laut anfangen zu quietschen vor Vergnügen. Lektion #4: Eine Busfahrt, die ist lustig, eine Busfahrt, die ist schön! Denn da kann man tief im Dschungel viele bunte Tiere sehen! Nach etwa 10 Stunden Fahrt mit vielen Schlaglöchern erreichen wir es: Kehancha. Ladies and gentlemen, welcome to the Zinduka e.V. Office! 

Projektstart! Ach ja, was war eigentlich mein Projekt? Habe dies vor meiner Anreise selbstverständlich mit Antonia besprochen und wir haben uns darauf geeinigt, dass es prima wäre, bei Schulbesuchen im Rahmen des Aufklärungsunterrichtes Damenbinden mitzubringen. Leider fehlt es nämlich vielen Menschen selbst für Hygieneartikel an Geld. Vor Antritt meiner Reise habe ich hierfür noch einiges an Spenden gesammelt. Zunächst einmal lerne ich das Team vor Ort kennen: Es besteht aus Antonia, unserem CEO, Tobias, unserem Accountant und Cess, unserer Managerin. Ein reizendes Team!

Die Schulbesuche sind für mich wirklich einschneidende Erlebnisse. Bei unserem ersten Termin bekommen die Mädchen, alle im Alter von 12 bis 16 Jahren, eine Einheit Aufklärungsunterricht von Cess: „Kein Sex von der Ehe, das ist Sünde, aber wenn es halt gar nicht ohne geht, unbedingt verhüten, weil ihr wollt doch alle nicht schwanger werden und AIDS ist leider auch kein Mythos, also schützt euch!“ Amen.

Ich bin erstmal etwas überfordert mit dieser Predigt, aber wie ich lerne, sind die Menschen hier sehr religiös und zwar überwiegend christlich. Und dass junge Mädchen hier auf dem Land im Alter von fünfzehn Jahren schwanger werden, ist bedauerlicherweise alles andere als eine Seltenheit, selbst die Schulleiterin bittet uns vor unserem Besuch: „And please, talk to the girls about pregnancy – I’m losing so many of them to that!“ Ich denke natürlich erst, ich höre nicht richtig. 

Was mich auch zu meinem nächsten Punkt führt: FGM. Schon mal gehört? Female genital mutilation. Die (vor allem weibliche) Genitalbeschneidung. Oder nennen wir es beim Namen: Genitalverstümmelung. Dieses Jahrhunderte alte Ritual wird in vielen Ländern auch heute noch praktiziert, in Kenia ist es aber seit 2011 vom Gesetzgeber verboten. Dennoch wird von vielen der 42 Stämme in Kenia an dieser veralteten Tradition festgehalten. Und das hat schwerwiegende Konsequenzen. Es ist ein sehr schwieriges Thema und ich muss vorsichtig sein, nicht zu pauschalisieren, also fürs Protokoll: Ich schildere hier lediglich meine ganz persönlichen Erfahrungen und Eindrücke! 

Es gibt viele Gerüchte über FGM, auch hier in Kuria, der Region, wo Zinduka e.V. vorwiegend tätig ist. Unter anderem, dass unbeschnittene Mädchen unfruchtbar werden oder unhygienischer sind, dass sie die Ernte verderben oder Unheil für ihre Familien bringen, also solle man unbeschnittene Frauen (Mädchen) nicht heiraten. Und viele mehr. Außerdem ist die Beschneidung dort aus kultureller Sicht so etwas wie bei uns eine Kommunion oder dergleichen: Ein notwendiges Ritual, das man vollzieht, um als Erwachsene(r) zu gelten. Und danach geht’s auch gleich weiter: Die Mädchen sind also dann offiziell erwachsen und werden folglich verheiratet (sofern sie die Beschneidung überhaupt überlebt haben, denn es gibt auch Fälle, da endet dies tödlich). Mit zwölf, dreizehn, vierzehn Jahren, teilweise auch jünger. An Männer allen Alters, die häufig bereits mehrere Ehefrauen haben. Und wenn sie dann verheiratet sind, werden sie meistens auch recht schnell schwanger, denn Aufklärung, zumindest auf dem Land, ist keine Selbstverständlichkeit und das Thema Sexualität, wie mir scheint, ein echtes Tabu. Und so müssen leider viele Mädchen noch vor Beendigung irgendeines Abschlusses die Schule verlassen, teils Kind, teils Frau, ohne Bildung, mit Nachwuchs. Lektion #5: Andere Länder, andere Sitten?? Für mich ist das ein sehr harter Brocken. Zwar wusste ich theoretisch, worauf ich mich einlasse, aber wissen ist etwas ganz anderes als erleben. Lektion #6: Rausgehen ist wie Fenster aufmachen. Nur krasser.

Also sitze ich da, höre brav der Predigt meiner Kollegin zu und frage mich dabei heimlich, wie viele von den Mädchen hier wohl beschnitten sind oder bald beschnitten zu werden drohen. Anschließend bin ich an der Reihe und wir üben gemeinsam, wie man eine Damenbinde benutzt und sprechen darüber, was es in diesem Zusammenhang sonst noch zu beachten gibt. Alle sind recht schüchtern, aber sehr aufmerksam. Unser nächster Tagesordnungspunkt: „Challenges“. Was beschäftigt die Mädchen zur Zeit? Gibt es Themen, die sie besonders belasten? Erstmal Todesstille, alle gucken verlegen weg. Dann meldet sich eine: Sie habe Angst, dass sie demnächst nicht mehr zur Schule kommen könne. Die Schulgebühren seien so hoch und sie sei nicht sicher, ob ihre Eltern sich ihre Bildung im nächsten Schuljahr noch leisten können. Ich muss mich, gelinde gesagt, heftig zusammenreißen, nicht völlig schockiert zu gucken oder zu reagieren, obwohl ich mir natürlich als allererstes denke: „Wie, Schulgebühren? Das ist doch keine private Schule“. Ja, meine Damen und Herren, in Kenia wird nicht überall die gesamte Schulbildung von der Regierung gezahlt wie bei uns in „Good old Germany“. Mir persönlich bricht es das Herz und ich schäme mich kurz zutiefst über Momente, in denen ich selbst in der Schule saß und dachte „Gar kein Bock grad auf Schule!“. Oder auch einfach geschwänzt habe – wie arrogant! Lektion #7: Bildung ist keine Selbstverständlichkeit. Nun ja, so oder so ähnlich laufen so ziemlich alle unserer Schulbesuche ab: Überall werden wir mit offenen Armen empfangen, überall sind die Schülerinnen schüchtern, überall sind Geld und Bildung knappe Güter.

Jetzt möchte ich aber gar nicht nur lamentieren, sondern euch doch auch unbedingt von den wunderbaren Seiten Kenias erzählen! Denn davon gibt es einige.

Fangen wir an mit einem Urinstinkt, der beim Menschen wohl noch stärker ausgeprägt ist als der Sexualtrieb: ESSEN. Ich liebe die kenianische Küche! Zunächst einmal: Gegessen wird mit den Händen, was mich per se sofort hellauf begeistert. Meistens gibt es Fleisch, die Tiere werden oft auch selbst geschlachtet. Achtung an alle Vegetarier und Veganer, für euch ist hier vermutlich totale Mangelernährung vorprogrammiert. Lektion #8: Ich persönlich finde: Was man nicht selbst übers Herz bringen würde zu schlachten, darf man streng genommen auch nicht essen.

In Deutschland ist dieser Lebensstil ja auch politisch und ethisch durchaus sinnvoll, aber meinem Eindruck nach war hier jedes Tier, das ich verspeist habe, zu Lebzeiten sehr glücklich, hatte genug Platz und durfte auf den schönsten Weiden grasen. Inzwischen denke ich sogar bei fast jedem Tier, das ich sehe: „Süß, was gibt’s als Beilage?“ Bin selbst ein wenig schockiert, hoffentlich vergeht das bald wieder. Zu den Beilagen: Es wird sehr viel „Grünzeug“ gegessen; sei es Kohl oder „Sukuma“, eine Art Spinat. Hiervon gibt es auch zig Variationen. Mein absoluter Favorit ist allerdings „Ugali“. Es erinnert ein wenig an Polenta und wird eigentlich permanent zu allem dazu gegessen. Alternativ „Chapati“, eine Art Pfannkuchen. Ohne Milch, ohne Eier. Aber super lecker! Und zum Nachtisch? Obst. Wassermelonen, Ananas, Banane, Papaya. Meistens aus eigenem Anbau, versteht sich. Denn Kenianer sind begnadete Landwirte, da viele Menschen sich hier selbst versorgen (müssen). 

Für mich ist auf alle Fälle jede Mahlzeit ein wahres Fest. Was mich auch noch beeindruckt und aus tiefstem Herzen berührt: Wann immer ich irgendwo zu Besuch bin, wird erst einmal gebetet. „Dear God, thank you for sending this guest to my home” Bei uns in Deutschland ist der Trend gefühlt eher: “Gäste sind immer schön, vor allem, wenn sie wieder gehen”. Nicht so in Kenia: Immer gibt es ein riesiges Esszimmer mit unzähligen Sitzgelegenheiten oder auf dem Land teilweise sogar eine eigene Hütte nur für das gemeinsame Schnabulieren oder Beisammensitzen. An die gelegentliche Geschlechtertrennung beim Essen muss ich mich ein wenig gewöhnen, aber sobald aufgetischt wird, bekomme ich ehrlich gesagt auch ohnehin nichts mehr um mich herum mit. Lektion #9: Ohne Mampf kein Kampf! Und: Es ist schön, wenn Essen nicht nur der Nahrungsaufnahme dient, sondern auch die Familie am Tisch und somit die Herzen vereint.

Ein weiteres wunderbares Erlebnis ist das Maleziprojekt von Zinduka e.V. Hierbei geht es um den kulturellen Austausch zwischen unterschiedlichen Stämmen. Man will sich gegenseitig informieren über Traditionen und Praktiken und so einander helfen, Altes, Bewährtes zu erhalten und gleichzeitig Veraltetes und Bedrohliches zu entschärfen. Also reisen wir nach Samburu, quasi ins Herz Kenias. Gelandet sind wir im Paradies! Wir besuchen Rebekka. Rebekka hat vor inzwischen über dreißig Jahren ein Dorf namens Umoja gegründet. Ein Frauendorf. Hier leben etwa fünfzig Frauen als Gemeinschaft unabhängig von Männern. Frauen, die frei sein wollen und dem tendenziell patriarchischen System trotzen. Ich bin hoch beeindruckt von dem, was die Frauen in Umoja auf die Beine gestellt haben: Es gibt eine Schule, eine Solarzelle für Energieversorgung, eine Wasserpumpe, das „Umoja Camp“, wo Touristen nächtigen können und dieser ganze wunderschöne bunte Schmuck, den die Bewohnerinnen Umojas tagtäglich fertigen, als wäre hier der Regenbogen explodiert!

Aber was hat es nun mit diesem Maleziprojekt auf sich? Wir, das heißt Rebekka, Antonia, Jeremiah Kipainoi, Journalist und auch FGM-Aktivist, Deborah, Schülerin und FGM-Aktivistin und ich besuchen die Stammesältesten aus der Umgebung bei einem großen Treffen. Nur die Männer. Zum ersten Mal haben sie sich bereit erklärt, auch Frauen zuzuhören und so darf Rebekka erzählen: Von ihren Erfahrungen und auch von ihrem Kampf gegen FGM. Dann berichtet Antonia von Zinduka e.V. und den Mädchen, die wir unterstützen. Jeremiah erläutert seine Arbeit und die von MenEndFGM, einem Verein, mit dem auch er sich gegen das Ritual der weiblichen Genitalverstümmelung einsetzt. Nachdem auch Deborah ihre Aufklärungsarbeit geschildert hat, zeigen wir den Stammesältesten ein Video von kleinen Mädchen und Babys, die „beschnitten“ werden. Dieses grausame Video löst breites Entsetzen aus. Die Männer erklären uns, sie hätten nicht gewusst, was ganz genau bei der Beschneidung passiere. Ich denke, das Maleziprojekt ist sehr wichtig für die (Aufklärungs-)Arbeit von Zinduka e.V. und unser Treffen mit den stammesältesten Männern in Samburu hat auf jeden Fall die Weichen für weitere Zusammenarbeit gelegt.

Neben unseren Schulbesuchen und dem Maleziprojekt gibt es noch eine ganze Palette an weiteren Projekten, die Zinduka e.V. durchführt. Ich war auch noch in einer ganz anderen Schule mit einem Kloster, außerhalb von unseren Partnerschulen in Kehancha und Umgebung, habe mir die UN in Nairobi mal angesehen und im Dezember kann man immer beim „Empowerment Camp“ mithelfen; ein Camp, wo Mädchen zur Beschneidungszeit Zuflucht finden, wenn sie sich nicht der Beschneidung unterziehen möchten, obwohl die Familie aber darauf besteht. 

Wenn ich zurück nach Deutschland gehe, möchte ich „Rainbow Coffee“ vermarkten. Ein Kaffee aus Äthiopien und eventuell bald auch aus Kenia. Ebendort habe ich nämlich David, einen der Gründer von „Rainbow Coffee“, kennengelernt und quasi dabei „ertappt“, wie er seine Geschäftsversprechen einlöst: Lokale Farmer vor Ort bei der Arbeit unterstützen, faire Bezahlung, und zwar in Cash, sodass keine Gelder irgendwo unterwegs versickern.

Liebes Kenia, danke, dass du zwei Monate lang deine Poren für mich geöffnet hast. Ich bin sehr dankbar, dass ich so viele wunderbare Menschen kennen lernen durfte, dass ich bei Zinduka e.V. hinter die Kulissen schauen durfte und auch sehen konnte, wie unfassbar viel Arbeit hinter solchen Projekten und Vereinen steht. Ich habe auch gelernt, was interkulturelle Zusammenarbeit bedeutet und dass selbst bei nur geringen Sprachbarrieren noch so viele andere kulturelle Hürden tagtäglich eine echte Herausforderung darstellen können. Wie viel Verwirrung ich alleine vermutlich gestiftet habe! Und auch die ethnokulturellen Gegebenheiten: Den überwiegenden Teil meiner Zeit fast überall die einzige Weiße unter lauter Afrikanern zu sein, war ein hoch interessanter Perspektivenwechsel und gibt einem hinsichtlich des Themas Rassismus doch sehr viel zu denken. Denn egal, wie unabhängig man ist: Manchmal möchte man einfach nur dazugehören.

Beitragsbild: Christina Walther.