Praktika in Zeiten von Du-weißt-schon-was

Erst im Social-Media-Team eines Radiosenders nah am Ohr und im Netz meiner Heimat, dann an Deutschlands Tor zur Welt die internationale Wirtschaft, Logistik und Öffentlichkeit informiert. Meine Praktika bei Radio RST in Rheine (von November bis Januar) und im Hamburger Hafen Marketing (von Februar bis April) steckten schon ohne die Einschnitte der Pandemie voller Gegensätze und Überraschungen.

Von Nando Suhre.

Radio Star (t)

Im Oktober begann mein erstes Praktikum im Social-Media-Team des überregionalen Radiosenders Radio RST. Hier haben schon Deutschlands witzigste Ollis – Welke und Kalkofe – ihre ersten Witze versendet. Und jetzt ich. Meine Witze waren allerdings so schlecht, dass sie schon wieder zum Lachen waren – und für ein sehr lustiges „Aushalten nicht lachen – Spezial“ herhielten.

Für mich war Radio oft ein Begleiter auf dem Weg zur Schule oder zum Sport. Ihr wisst schon, damals, vor Spotify. Wer hätte gedacht, dass ich einmal bekannten Morningshow-Moderatoren einige meiner Worte in den Mund legen würde? Als erste Praktikums-Aufgabe beim beliebtesten Sender meiner Heimatregion verfasste ich die täglichen Veranstaltungshinweise, die auf dem Weg zur Arbeit und woanders gehört werden.

Im Wettstreit um Aufmerksamkeit müssen Radiosender jedoch heute mehr leisten und da sein, wo ihre Hörer sind: im Netz. Für die rege Community auf unseren Kanälen schrieb ich News und Umfragen. Kurzweilige Umfragen erhob ich auch auf der Straße zu tagesaktuellen – oft politischen – Themen, die die Leute in meiner Heimat bewegen. Die O-Töne meiner Interviewpartner schnitt ich anschließend zu Tonbeiträgen, welche ich dem jeweiligen Moderator zusammen mit Ideen für die An- und Abmoderation ans Studiomikro gab.

Was ich noch nicht ahnte: Zu Straßenumfragen würde es bald auf kaum absehbare Zeit nicht mehr kommen. Als zum Jahresende die ersten Meldungen aus Fernost kamen, dachte wohl niemand in der Radio-Redaktion oder gar in der deutschen Politik, welch große und gefährliche Wellen diese bei uns noch bis zum heutigen Tage schlagen würden.

Hafen Calling

Kräftige Wellen schlugen auch um den Bug des Ausflugsschiffes, auf dem ich, kaum angeheuert, gleich am ersten Tag meines Praktikums in der Informations- und Kommunikationsabteilung von Hafen Hamburg Marketing (HHM) an einer großen Hafenrundfahrt unter Experten-Führung teilnahm. Sie bildete den Auftakt eines vielfältigen Besuchsprogramms im Hafen, zu dem ich und meine KollegInnen von weit angereiste Fachbesucher begleiteten. Somit gewann ich rasch einen hautnahen Einblick in den Logistik- und Wirtschaftsbetrieb des gigantischen Handels- und Umschlagsplatzes.

HHM ist für das Standortmarketing des Universalhafens zuständig. Dass hierzu mehr gehört als nur Hamburg, sein riesiger Industriegürtel und die Metropolregion, merkte ich schnell: Bei den regelmäßigen Konferenzen nahmen die internationalen Repräsentanten, auf deren Wirtschaftsgebiet sich der Handelsverkehr von Deutschlands Tor zur Welt erstreckt, per Videoschaltung teil. Die redaktionelle Bearbeitung von Lageberichten aus den Vertretungen in Europa und der Welt gehörte später zu meinen Hauptaufgaben. Außerdem schrieb ich Presse- und Social-Media-Texte. Meine Hafentour zu Beginn war ein Privileg, welches später für längere Zeit nicht mehr möglich sein würde…

Die Flut kommt

Dann kam der Tag, vor dem ich mich gefürchtet hatte: Wir mussten das Büro verlassen. Die amtlichen Behörden meldeten Hochwasser. Nun liegt das Büro des Hafenmarketings im oberen Stockwerk eines schönen Speicherstadtgebäudes, wo früher Kaffee, Tee und Gewürze mithilfe von Seilwinden eingelagert wurden. Jeder, der Hamburg schonmal besucht hat, weiß, dass die Speicherstadt von Fleeten durchzogen ist, die genauso wie der gesamte Hafen unter Gezeiteneinfluss stehen. Deshalb ist der Hamburger Hafen auch Deutschlands größter Seehafen, obwohl er rund 100 Kilometer von der Nordseeküste entfernt ist. Bei Hochwasser wie in diesem Frühjahr steigt der Wasserpegel derart hoch, dass auch die Zufahrtsbrücken zu den Büros der Speicherstadt überflutet wurden. Am nächsten Tag ging es zum Glück schon wieder trockenen Fußes zurück an den Schreibtisch.

May-Day! Home-Office im Heimathafen

Eines Tages stand ich während einer geführten Gruppen-Tour im dichten Gedränge auf der legendären Straße „Große Freiheit“ auf Sankt Pauli.  Ohne die leiseste Ahnung von der „Kleinen Unfreiheit“, die uns die Rettung von Menschenleben in Kürze abverlangen sollte. Was im Dezember noch weit weg schien, gelangte schließlich unaufhaltsam zu uns. Deshalb erreichte mich, seit einem guten Monat Praktikant in Hamburg, wie viele andere Mitte März der Anruf meines Vorgesetzten: Bitte bleib zuhause im Home-Office. War mein Platz vorher im Herzen der Speicherstadt am eigenen Schreibtisch mit meinen KollegInnen in Ruf- oder zumindest Gehweite, schrumpfte er nun auf die Größe meines Schreibtisches im untergemieteten Studenten-Kämmerchen. Bald entschied ich mich angesichts ansteigender Pandemiekurven und Einschränkungen die wunderschöne aber teils dicht bebaute Millionenstadt zu verlassen und – schweren Herzens – die Weite und Ruhe meines Heimatdorfes in der westfälischen Provinz aufzusuchen.        

Dort angekommen gewöhnte ich mich an die „neue Normalität“. Home-Office bedeutet mehr E-Mails, Chats mit den Kollegen, Telefon- und Videoanrufe und Konferenzen über den Bildschirm. Kommunikation wird noch wichtiger. Ohne stabile und schnelle Internetverbindung, die leider auf dem Land oft nicht nur an den vielzitierten Milchkannen fehlt, stand ich schon mal auf der Leitung. Das Home-Office brachte gleichsam Gutes: Durch den gestiegenen Kommunikationsaufwand nahm mein Austausch mit den KollegInnen zu und ich fühlte mich zunehmend eingebunden, wohl auch da ich jetzt eingearbeitet war.  

Meine fortgeführte Praktikantentätigkeit verschaffte mir für einige Stunden Ablenkung und Normalität, während inzwischen weltweit ein lebensgefährliches Virus unser aller Leben auf den Kopf und auf eine harte Belastungsprobe stellte. 

Ich weiß noch nicht, ob meine Zukunft im Journalismus oder im Marketing liegt. Jedoch weiß ich, dass dieses ungewöhnliche Semester meinen Horizont erweitert und mir gezeigt hat: Nicht alles im Leben ist vorhersehbar und auch Krisen bieten Chancen. Wie in Zeiten von Du-weißt-schon-was.

Beitragsbild: Unsplash.