Dirndl wechsel Dich! Baukastendirndl made in Bavaria

Sich das Müsli nach seinem Geschmack zusammen zu mixen – das ist für die Passauer längst nichts Neues mehr. Dass das auch mit dem liebsten Kleidungsstück der bayerischen Frau geht, zeigt die dirndlnarrische Sophia Kotter mit ihren patentierten Baukastendirndln. Die 29-Jährige aus Afham im Landkreis Passau hat sich mit ihrem eigenen Dirndllabel Variasophia einen Traum erfüllt. Das Besondere an ihren Dirndln ist, dass Mieder, Rock und Schürze separat angeboten werden und es kein komplettes Dirndl zu kaufen gibt. Möglich macht das ein teilbarer Reißverschluss an der Taille. Jede Kundin kann sich so ihr Lieblingsdirndl zusammenstellen und die Einzelteile können immer wieder neu kombiniert werden.

Von Nicole Dirnberger & Magdalena Schäufl.

Variasophia erwacht zum Leben

2015 hat Sophia ihren Bachelor an der Münchner Akademie für Mode und Design abgeschlossen. Die Idee zum „Dirndl wechsel Dich“ ist relativ schleppend entstanden. Die Modedesignerin war mehrere Jahre auf der Suche nach einem neuen Dirndl, hat sich aber in keinem Trachtengeschäft eines gefunden, bei dem ihr Mieder, Rock und Schürze gefallen haben. So ist dann nach und nach die Idee des „Baukastendirndls“ entstanden.

„Bei einem Abend mit etwas mehr Wein hat mich meine beste Freundin auf die Idee gebracht, Mieder und Rock mit einem teilbaren Reißverschluss zu verbinden“, erzählt sie. Viele Skizzen, Schnittmuster und Gespräche später begann dann im Sommer 2016 die Produktion der Dirndl. Den Onlineshop gibt es seit Februar 2017 und im November 2018 eröffnete Sophia ihren Laden in der Passauer Grabengasse.

Social Media spielt für die Werbung eine große Rolle. Besonders Instagram hat es ihr hierbei angetan. Ansonsten hofft sie auf zufriedene Kunden, die von ihrem Laden erzählen. Vor Eröffnung hat Sophie damit gerechnet, dass zu ihren Kundinnen vor allem die jüngere Generation zählt. Umso überraschter war sie, als sie von jungen Kundinnen bis zur Uroma alle beraten durfte. Welche Altersgruppe überwiegend bei ihr einkauft kann sie gar nicht sagen. Es seien durchwegs verschiedene Gruppen.

Die Selbstständigkeit bringt natürlich auch viele Herausforderungen mit sich. Neben dem finanziellen Faktor, der natürlich immer wieder eine große Rolle spielt, war für Sophia auch das Anfangen einer der größten Meilensteine. Trotzdem sehe sie es als großen Privileg ihr eigener Herr zu sein. Warum sie sich überhaupt in die Selbstständigkeit gewagt hat, erklärt sie uns: „Bei mir hat es vor der Selbstständigkeit beruflich nicht mehr ganz gepasst. Der Zeitpunkt war ideal. Es war die Idee da, dass ich Variationsdirndl machen möchte und dann haben auch die ganzen Umstände gepasst.“

Made in Bavaria

Die Variasophia Dirndl werden in einer kleinen Familienschneiderei in Neuhaus am Inn gefertigt. „Sowas gibt es bei uns eigentlich gar nicht mehr in der Umgebung und ich bin ganz froh, dass ich die gefunden habe. Die haben fünf Näherinnen und ein, zwei Mädels sind da am Zuschnitt. Also wirklich eine ganz kleine, feine Schneiderei, in der meine Dirndl in Handarbeit entstehen.“

Wenn das Design vom Dirndl steht, wird die technische Zeichnung und der Schnitt am Computer erstellt. Der Schnitt fertigt Sophia in der Regel gemeinsam mit der Schnittmacherin aus der Schneiderei. Anschließend wird der Schnitt als Musterteil gefertigt, welches erneut optimiert und angepasst wird. Weitere Musterteile entstehen, bis Rock, Mieder oder Schürze den perfekten Sitz hat und der Vorstellung entspricht.

„Für meine erste Kollektion habe ich mich an aktuellen und trendigen Farben in der Modewelt inspirieren lassen. Für weitere Kollektionen ist es wichtig, dass sich ein roter Faden durch das Sortiment zieht, da Kundinnen, die ein Dirndl aus der ersten Produktion erworben haben, immer weiter kombinieren können sollen.“

Da ein Dirndl sehr gut sitzen muss, sind alle Schnitte sehr aufwändig. „So ein Dirndl ist im Grunde nichts anderes als ein Corsagen-Schnitt. Es soll hauteng sitzen und wenn da was nicht stimmt, sieht man auch gleich. Ist es zu weit, schlägt es Falten. Ist es zu eng, schlägt es Falten. Je mehr an so einem Dirndl dran ist, desto schwieriger ist es einfach, dass es dann auch perfekt sitzt. Mein schwerstes Design war ein Schnitt mit Ärmeln und Herzausschnitt.“

Angesprochen auf ihren aktuellen Bestand im Laden und darüber hinaus wie viele Variationsmöglichkeiten sie anbieten kann erzählt die Bayerin, dass sie aktuell 30 verschiedene Mieder, genauso viele Modelle an Röcke und eine bisschen weniger an Schürzen im Laden hat. „Wenn man es zusammenrechnet kommt man auf einen fünfstelligen Betrag an Variationsmöglichkeiten.“

Besonders stolz ist Sophia Kotter darauf, dass ihre Dirndl alle „Made in Bavaria“ sind. Sophia kauft die Stoffe, welche in Bayern gewebt werden, selbst ein. Die Lieferanten kommen aus Deutschland und sind in Bayern stationiert. Lediglich die Stofflieferanten beziehen für die Produktion der Stoffe das Material aus Mailand. 

Aktuelle Trends

Der aktuelle Trend geht zum Schlichten, Modernen und Geradlinigen, also weniger Rüschen und Glitzer. Derzeit sind Pastelltöne, Erdtöne, aber auch viele kräftige Farben im Trend. „Es ist ganz interessant, weil es immer gleichzeitig einen Trend und einen Gegentrend gibt.“ Bei Varisophia gibt es zudem alles für die Hochzeit in Tracht. „Hochzeitsdirndl, vor allem für die standesamtliche Hochzeit, liegen sehr im Trend. Ich habe gar nicht damit gerechnet, dass der Andrang so hoch ist.“

Von Klein auf Volksfestgängerin: Die Liebe zur Tracht und zum Volksfest

„Der Bayernbezug ist von Haus aus da, wenn man in Bayern aufgewachsen ist. Bei mir war es dann so, dass ich zwischen meinem 12. und 16. Lebensjahr in Berlin gelebt habe. Als ich dann wieder nach Bayern gezogen bin, war die Liebe vielleicht größer als vorher.“ Sophia ist im Nachbarort von Karpfham groß geworden und wer Karpfham kennt, kennt natürlich auch das Karpfhamer Fest. Dort ist es seit ungefähr 13-14 Jahren wieder üblich, dass Tracht getragen wird. „Pünktlich zu meinem 16. Geburtstag war für mich Volksfest das Highlight überhaupt. Da durfte man dann endlich ein Bier trinken und ich hab jedes Volksfest, das bei uns in der Umgebung war, mitgenommen“, erinnert sich Sophia. Auch ihr Opa hat zu Sophias Liebe beigetragen. „Egal, ob wir Lust hatten oder nicht, mein Opa hat uns Kinder früher auf jedes Volksfest mitgenommen. Natürlich hatten wir meistens Lust.“ Es war Sophias Liebe zum Volksfest da und so entstand auch die Liebe zum Dirndltragen.

Zukunftswünsche

Sophia erzählt außerdem, dass für die Zukunft in ihrem Laden viel geplant sei. Sie wünscht sich, dass ihr Sortiment nach und nach aufgestockt wird. Sie will nicht nur Dirndl anbieten. „Ich habe schon angefangen Herrenwesten aufzunehmen und will zukünftig auch das komplette Frauen- und Herrensortiment abdecken. Das ist ein großer Wunsch von mir und wenn ich das einmal geschafft habe, kann ich mir gut vorstellen auch ein Sortiment für Kinder miteinzubringen.“ Außerdem wünscht sie sich, dass ihr ihre Kundinnen immer treu bleiben und weiterhin immer Spaß daran haben die Dirndl zu variieren.

Auswirkungen der Coronakrise auf Variasophia

Aufgrund der Coronakrise ist dein Geschäft geschlossen und alle Volksfeste wurden für die kommenden Monate abgesagt. Wie geht es dir mit dieser Belastung und den aktuellen Herausforderungen? 

Schön ist das natürlich nicht, wenn einem vorgegeben wird, sein Geschäft zu schließen. Ich habe aber die Vorgaben respektiert und auch von Anfang an für gut befunden. Bereits vor der Schließung der Geschäfte war viel Unsicherheit bei meinen Kundinnen zu spüren und ich denke, dass der „Shutdown“ und die damit einhergehende Ausgangsbeschränkung vorerst ein gewisses Sicherheitsgefühl bieten konnte, was den Schutz der Gesundheit aller betrifft.

Auch die Nachricht, dass für das komplette Jahr 2020 die Volksfeste ausfallen, war absehbar und ich konnte mich, sowohl organisatorisch, als auch emotional darauf vorbereiten. Natürlich fällt damit ein wichtiger Teil meiner Geschäftsgrundlage weg und es wird für mich um einiges schwieriger werden, in diesem Jahr das Dirndl an die Frau zu bringen. Trotzdem ist damit natürlich nicht Hopfen und Malz verloren… Ich hoffe, dass die Leute, sobald die Gastronomie öffnen darf, wieder viel Freude daran haben werden, sich für den Biergarten oder das Wirtshaus rauszuputzen. Und natürlich geht das bei uns in Bayern am besten in Tracht! Nachdem wir überdurchschnittlich viel Zeit in unseren vier Wänden verbracht haben, wird der Gang ins Restaurant zu unserem neuen Highlight. Und wer weiß, vielleicht erleben wir ja ein Comeback des „Sonntagsgewandes“, wie wir es von früher kennen. Dann wird das Dirndl eben dieses Jahr nicht auf der Bierbank auf einem feucht fröhlichen Volksfest getragen, sondern an einem sonnigen Nachmittag in den Biergarten im Heimatort ausgeführt.

Was bereitet dir die größten Sorgen?

Die große Herausforderung besteht für mich also derzeit darin, sich die Alternativen für die Volksfeste immer wieder vor Augen zu führen und diese auch an meine Kundinnen weiterzugeben. Warum soll man sich nur für eine riesengroße Menschenmenge im Dirndl fesch machen? Wann ist das Gefühl verloren gegangen, sich einzig für sich selbst oder seine Familie hübsch zu präsentieren? Auch wenn nur eine Hand voll Leute mit ins Standesamt zu meiner Hochzeit mit rein kann, darf ich mich doch trotzdem genauso als Braut fühlen und ein schönes Dirndl tragen, als wären 40 Gäste im Saal mit dabei.

Auf was freust du dich nach Corona am meisten? Was können wir, deiner Meinung nach, aus der Krise lernen und mitnehmen?

Ich wünsche mir, dass die Rückbesinnung zu den kleinen Freuden durch Corona wieder etwas mehr auflebt. Es sollte nicht mehr so viel Energie darauf verwendet werden, den hunderten Followern auf Instagram exotische Reiseziele darbieten zu wollen. Auch wird es dieses Jahr nicht wichtig sein, in welches exklusive Zelt wir es auf der Wiesn geschafft haben oder auf wie vielen Sommerfestivals wir waren und welche Bands wir dort live sehen konnten. 

Mein Opa hat mich letztens gefragt: „Sophia, wann machen wir denn jetzt unser Grillfest bei mir im Garten?“. DAS sind die kleinen Freuden, die jetzt zu großen werden! Und wann auch immer dieses Grillfest beim Opa mit der Familie stattfinden kann – für welches ich mich natürlich ins Dirndl werfen werde! Ich freu mich jetzt schon so sehr drauf, dass die abgesagten Volksfeste nicht mehr sooo weh tun…

Bilder: Magdalena Schäufl.