„Mit objektiver Berichterstattung gewinnen Sie keinen Blumentopf mehr!“ Ein Kommentar.

 Kai Diekmann„Ich freue mich sehr über die Einladung. Meine Stellung als Chefredakteur der BILD macht mich als Mitbürger nicht immer beliebt“.

 

Ein brechend voller Hörsaal, Studenten, die von einem eigens engagierten Sicherheitsdienst nach Hause geschickt werden, Fotografen, Fernsehkameras. Schnell wird klar, dass man hier kaum in einer abendlichen Mathematikvorlesung gelandet ist – stattdessen ist heute großes Kino angesagt.

Kai Diekmann, seines Zeichens „Enfant terrible“ der deutschen Medienlandschaft, Chefredakteur der BILD-Zeitung, gibt zum Anlass der Passauer Medientage seine Aufwartung vor mehr als 500 Studenten, Professoren und anderen, die alle nur eines wollen: Ihn, den Chef des meistgelesenen, meistgeliebten und meistgehassten Boulevardblatts der Bundesrepublik, reden hören. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund.

 

„Nur wer anstößig ist, kann auch Anstoß geben.“

 

Kein anderes mediales Produkt erhält so viele Beschwerden wie die BILD. „Wir sind der Hauptarbeitgeber des Deutschen Presserates“, kommentiert er diesen Zustand schmunzelnd. Dabei wird nur zehn Prozent aller eingegangenen Beschwerden stattgegeben. Mit fast 20 Millionen Menschen, die die BILD- Zeitung täglich als Printausgabe oder online lesen, kann man aber auch fast mit jeder Schlagzeile jemandem auf den Schlips treten: „Viel Aufmerksamkeit hat eben auch viel Kritik zur Folge“, gibt Diekmann zu.So fühlt sich ein Leser nach der Wahl Angela Merkels zur Bundeskanzlerin mit der Aufmachung ‚Miss Germany’ falsch informiert, da es sich schließlich nicht um einen Schönheitswettbewerb gehandelt habe. Ein Deutschlehrer konnte es ebenso nicht verantworten, die grammatischen und inhaltlichen Fehler in ‚Wir sind Papst’ unkommentiert stehen zu lassen.

„Polarisieren, provozieren, emotionalisieren“, so lauten die Zielsetzungen. Gleichzeitig verstehe sich die BILD laut Diekmann als eine „Volkszeitung“, die die Gefühlslage der Nation in ihren Berichterstattungen widerspiegele. Kein Medium in Deutschland würde sich anmaßen, eine größere meinungsbildende Funktion in der Bundesrepublik zu haben. ‚Nein tanke. Der Irrsinn mit dem Biosprit.’ ‚Bahlsen-Scheidung. Er ging ihr auf den Keks.’ Oder die vehemente Verteidigung Theodor zu Guttenbergs. BILD bricht Konventionen – und vertritt die Stimme der Deutschen. Und das erfolgreich. Die BILD hat mehr weibliche Leser als das auflagenstärkste Frauenmagazin Brigitte. Akademiker und Abiturienten bevorzugen ebenfalls das Klatschblatt gegenüber der „seriösen“ Presse. Diekmann glaubt sich dadurch auch in Zukunft auf der sicheren Seite. Während er im hart umkämpften Zeitungsmarkt Qualitätszeitungen wie der Süddeutschen oder der FAZ ein immer härteres Geschäft prognostiziert, sieht er der zunehmenden Digitalisierung eher gelassen entgegen. Warum auch nicht? Die BILD ist jedenfalls bestens gerüstet. Die Leute kaufen weiterhin die Zeitungen, sind weiterhin bereit, für die BILD den Weg zum Kiosk auf sich zu nehmen. Gleichzeitig erfreuen sich die BILD-Apps für IPhone und IPad größter Beliebtheit und auch das Onlineportal der Zeitung könnte nicht besser laufen.

 

„Wir denken nicht – wir googlen“

 

„Die digitale Revolution bereitet dem Zeitungsgeschäft die schwerste und langatmigste Krise, die es je zu meistern galt. Die Menschen wollen Zeit und Geld sparen – das Anzeigengeschäft wandert ebenso ins Internet ab.“ Die Auflagenzahlen der Tageszeitungen sinken. Dies führt soweit, dass es in den USA bereits Großstädte ohne Druckzeitung gibt.

1955 gaben Jugendliche als ihre liebste Freizeitbeschäftigung ‚aus dem Fenster schauen’ an. Das Leben drehte sich um den Dorfbrunnen, man traf sich regelmäßig in der Stammkneipe. In der globalen Welt von Heute jedoch, geht dieses Miteinander verloren. Der Mensch als geselliges Wesen muss sich das Wir-Gefühl anders beschaffen. Also lässt man sich beispielsweise gemeinsam über Außenstehende aus, oder mit den Worten des BILD-Chefredakteurs ausgedrückt: „Der Klatsch liegt in unseren Genen!“

Vielleicht bietet die BILD die beste Mischung aus Unterhaltung und Information. Vielleicht befriedigt die BILD am besten die Sensationsgier der Deutschen. Vielleicht ist die BILD am Innovativsten. Aber auf jeden Fall ist die BILD eines: Der Deutschen Lieblingszeitung.

Den größten Erfolg der Website „Spiegel Online“ verzeichnen Berichte über DSDS und das Dschungelcamp, die 5-seitige Story über Tatjana Gsell mit dem seriösen Titel „Aufstieg und Fall eines Busens“ führte zu reißenden Absatzzahlen. Und was sagt uns das? Vielleicht wollen die Deutschen auf dem Weg zur Arbeit nicht genauestens über jeden noch so sinnlosen politischen Beschluss informiert werden, nicht beim Frühstück schon mit den Problemen der Welt belastet werden, mit denen sie am Tag sowieso noch oft genug konfrontiert werden, sondern einfach mal schmunzeln, sich über etwas herrlich Unwichtiges aufregen oder ihren Kaffee mit etwas Sensationsgier hinunterspülen. Vielleicht wollen die Deutschen einfach eines: unterhalten werden.

Und das kann die BILD. Sogar auf sehr hohem Niveau. Wenn eine deutsche Zeitung von sich behaupten kann, jeden noch so winzigen Skandal aufzudecken, dann Kai Diekmanns Revolverblatt. Vielleicht liegt das daran, dass sich BILD- Redakteure einfach mehr trauen, als ihre Kollegen bei anderen Zeitungen. Oder daran, dass die BILD gerne auch mal andere Wege geht. Und voran geht. Jeder Mensch kann der BILD Informationen zukommen lassen. Klar, das geht bei jeder anderen Zeitung auch, jeder kann einen Brief schreiben oder eine Email abschicken. Doch die BILD nimmt auch SMS. Eine eigens eingerichtete Kurzwahl- die 1414, auf die Leser via Handy alle Kuriositäten aus dem täglichen Leben schicken können, macht die BILD zur wohl lesernahsten Zeitung Deutschlands. Stillstand? Nicht mit Kai Diekmann.

Diese Innovation, von Kritikern anfangs verteufelt, man solle schließlich „Unfallgaffer und Feierabendspanner“ bei ihren Hobbys nicht noch unterstützen, entwickelte sich schnell zu einem Erfolgsgaranten für die BILD-Zeitung. „Unseren Erfolg haben wir unseren Lesern zu verdanken, deshalb beantworte ich jede eingegangene E-Mail selbstverständlich persönlich.“

„Und wenn Sie nicht glauben, was ich Ihnen hier alles erzähle, können Sie gerne vorbeikommen um es zu überprüfen.“ Und was Kai Diekmann sagt, meint er auch so. Bei der BILD erhalten Interessierte täglich die Chance, an internen Konferenzen teilzunehmen und als ob es das Normalste der Welt wäre, lädt er die Passauer Studenten ein, eben dies zu tun. „Aber bitte nicht alle auf einmal!“

 

„Der Tag an dem ich sage, das hatten wir schon dreimal’ oder ‚das haben wir schon immer so gemacht’, ist der Tag, an dem ich aufhöre.“

Wer Kai Diekmann reden hört, kann seine Verbindung mit der BILD unschwer erkennen. Sein Vortrag: Locker, unterhaltsam und schlagzeilengespickt. Trotz seiner Stellung als Meinungsführer der Deutschen wirkt er nicht abgehoben oder arrogant. Zwar steht er voll und ganz hinter den oft kritisierten Methoden der BILD- Zeitung, dennoch ist er auch bereit, Verantwortung zu übernehmen. „Jeder macht mal Fehler. Auch die BILD.“

Herr Diekmann, glauben Sie dass da die objektive Berichterstattung nicht manchmal zu kurz kommen könnte? „Mit objektiver Berichterstattung gewinnen Sie keinen Blumentopf mehr.“ Ein Statement wie es nicht schöner in der BILD stehen könnte. Anstößig. Provozierend. Frech. Und irgendwie ehrlich.